15.3.26 Gott tröstet wie eine Mutter. Albrecht Burkholz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen vierten Sonntag der Passionszeit enthält ein mütterliches Gottesbild. Das ist ungewöhnlich. Als wir unseren Kirchenvorstandsworkshop hatten, hat mich eine Prädikantin aus Dieburg extra darauf hingewiesen. Sie freut sich schon auf diesen Predigttext. Auch ich als alter weißer Mann finde diesen Predigttext aus dem Schluss des Jesajabuchs sehr schön.

Ich lese Jesaja 66,10-14 Basisbibel

10Freut euch mit Jerusalem

und jubelt über die Stadt,

alle, die ihr sie liebt!

Seid fröhlich über sie,

alle, die ihr über sie getrauert habt!

11Trinkt euch satt an ihrer Brust

und lasst euch trösten!

Saugt an ihrer Mutterbrust

und genießt ihren Reichtum!

12Denn so spricht der Herr:

Ich werde Jerusalem Frieden geben,

der sich ausbreitet wie ein Fluss.

Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu

wie ein rauschender Bach.

Auch ihr werdet ihn genießen.

Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen

und auf den Knien geschaukelt.

13Ich will euch trösten,

wie eine Mutter ihr Kind tröstet.

In Jerusalem werdet ihr Trost finden.

14Wenn ihr das erlebt,

werdet ihr euch von Herzen freuen.

Ihr werdet aufblühen wie frisches Gras.

So zeigt der Herr seine Macht an seinen Knechten.

Aber seine Feinde bekommen seinen Zorn zu spüren.

Vor 60 Jahren wurden viele Juden von den Babyloniern aus Israel als Kriegsgefangene mitgenommen in das Land zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak. Jetzt haben die Perser (also ein König im heutigen Iran)   über die Babylonier gesiegt und lassen die Juden wieder zurück nach Israel. Auch das zerstörte Jerusalem, die Hauptstadt, darf wieder aufgebaut werden und sogar der Tempel. Aber das ist alles sehr mühsam und ärmlich und es gibt viel Ärger. Hier am Ende des Jesajabuchs lesen wir Texte von Menschen, die das Volk trösten und ermutigen wollen. Im Namen Gottes sprechen sie Trost zu nach der langen Zeit in der Fremde. Sie mussten die Niederlage verarbeiten. Sie mussten überlegen: passen wir uns an die neue Macht an? Oder versuchen wir, das zu erneuern und zu stärken, was wir eigentlich sind. Wir sind doch das Volk, das Gott aus der Gefangenschaft in Ägypten herausgeführt hat.

Das große tröstende Bild ist der mütterliche Gott, der sein Volk wie ein Kleinkind auf der Hüfte trägt und stillt. So sehr kümmert sich Gott um sein Volk. Er lässt es nicht im Stich.

Ja, es gab die Strafe. Weil das Gottesvolk sich von Gott abgewandt hatte. Sie haben die eigenen armen Menschen im Stich gelassen. Sie haben sich verführen lassen von Reichtum und Macht. Sie haben vergessen, wer sie sind und was sie ausmacht.

Aber jetzt ist die  Strafe vorbei. Der Gott, der gestraft hat, ist nun zu dem Gott geworden, der tröstet, wie eine Mutter tröstet.

Wir hören diesen Bibeltext mitten in der Passionszeit. Auch wir sind aufgerufen, hinzuschauen, was bei uns schief läuft. In unserem persönlichen Leben. In unserer Umgebung.  Bei uns als Gemeinwesen, Ort, Kirchengemeinde, Land. Wir sind aufgerufen, hinzuschauen und etwas zu ändern. Dafür ist die Zeit der Buße da. Im Kirchenjahr gibt es immer vor den großen Festen Weihnachten und Ostern die lila Paramente. Also das Tuch vor dem Altar und vor der Kanzel. Wir sind bereit umzukehren. Nur so können wir die tröstende Botschaft in unsere Herzen kommen lassen. Der Trost ist kein billiger Trost, der einfach so kommt. Er kommt in unser Herzen und in unser Leben, wenn wir bereit sind, das Falsche zu lassen. Er kommt in unsere Herzen, wenn wir in unseren Herzen bereit sind, bedürftige Kinder zu werden, die nicht alles selbst in der Hand haben.

Das ist eine schwere Aufgabe. Wir sind ja alle dabei, uns möglichst wenig reinreden zu lassen. Als Erwachsene oder als Jugendliche, die dabei sind, erwachsen zu werden, sind wir auf Abgrenzung und Selbständigkeit bedacht. Das ist auch gut so.

Dieses Bild von dem mütterlichen Gott, der uns als Kleinkinder auf der Hüfte trägt und stillt und tröstet, das bedeutet: für bestimmte Momente unseres Glaubens sollen werden wie die Kinder. Das heißt nicht, dass wir nicht erwachsen sein sollen. Aber für bestimmte Momente des Glaubens brauchen wir dieses Werden wie die Kinder. Wenn wir empfangen wollen, müssen wir die Hände öffnen. Wenn wir Hilfe wollen, müssen wir unsere Hilfsbedürftigkeit, wahrnehmen und annehmen und ins Beten und Empfangen umsetzen. Wenn wir den mütterlich tröstenden Gott für uns spüren wollen, müssen wir uns auf das Bild einlassen.

Viele Kollegen haben Probleme mit dem Lied So nimm denn meine Hände. Das drückt sehr stark diese kindliche Hilfsbedürtigkeit aus. Der Vorwurf von Kollegen, die sich sehr mit Seelsorge beschäftigen und es wichtig finden, dass Menschen reifen und ihre Ressourcen nutzen: damit mache ich mich doch kleiner als ich bin.

Ich finde: das ist eine vorübergehende spirituelle Übung. Ich bin nicht dauern das hilfsbedürftige Kleinkind, das der mütterliche Gott trösten muss. Aber es tut gut, von dem dauernd verantwortlich sein, mal runterzukommen. So wie ich ja insgesamt im Leben und im Sport eine gute Mischung aus Anspannung und Entspannung brauche, so brauche ich auch in meinem Glaubensleben Entspannungsübungen. Nach der Entspannung kommt dann schon genug Anspannung.

Unser Predigttext sagt: lasst euch von Gott trösten. Das bedeutet: ihr könnt euch von Herzen freuen, weil eure Gemeinschaft aufblüht. Ihr könnt den Reichtum genießen. Und ihr werdet aufblühen wie frisches Gras. 

Ich finde das ein tolles Bild jetzt im Frühling wo man überall die Kraft der Natur spürt.

Ich werdet aufblühen wie frisches Gras. Ich bin als evangelischer Pfarrer kurz vor dem Ruhestand. Beide große Volkskirchen schrumpfen erheblich. Und ich finde, die seelischen Folgen in der Gesellschaft sind schon zu spüren: viele Depressionen, viel Ärger, viel Wut, viel Streit. Wir sind ein reiches Land mit vielen Möglichkeiten. Ihr dürft euren Reichtum genießen, sagt der Predigttext. Ihr dürft euch von ganzem Herzen freuen. Ihr werdet aufblühen wie frisches Gras.

Als dieser Text gepredigt wurde, war das auch Zukunftsmusik. Auch für uns ist das Zukunftsmusik. Aber wenn man sich trösten lässt, sich entspannt, dann hört man schon etwas von der Zukunftsmusik. Die Zukunft ist ja offen. Sie muss zuerst von uns gedacht, gefühlt, erbetet werden. Dann können wir uns auf den Weg machen. Und auf dem Weg uns immer wieder neu trösten lassen. Schon ein wenig von der Zukunft schmecken und sehen.

In der Kirche gibt es das Abendmahl als symbolisches Schmecken und Sehen, wie freundlich unser Gott ist. Da das Abendmahl selten ist, haben wir als Kirchengemeinde oft Anlässe um gemeinsam zu essen und zu trinken. Alles aber verweist auf den Gott, der uns tröstet wie eine Mutter tröstet. Der uns als kleinen Kindern die Brust gibt und uns stillt. Damit wir jetzt schon schmecken und sehen, wie es sein könnte. Dort, in der Zukunft. Wir gehen ihr entgegen. Weil Gott dort ist. Weil Gottes Trösten viel größer ist als all der Mist, den wir mit unseren falschen Taten, Einstellungen, Verhaltensweisen, Verblendungen, Gefühlsdurcheinander anrichten. Gott tröstet wie eine Mutter tröstet. Das ist größer als all unsere Ängste und Sorgen. Gott tröstet wie eine Mutter tröstet. Das wartet auch dort in der Ewigkeit auf uns.

Und der Friede Gottes…