22.3.26 Draußen vor der Stadt, Albrecht Burkholz

Die Gnade unseres Herrn Jesus  Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde,

unser Veranstaltungsbogen zum Start der Evangelischen Kirchengemeinde Dieburg kommt heute an sein Ende. Wir haben einen schönen Vereinigungsgottesdienst in Groß-Zimmern gefeiert, wir hatten einen Workshop-Tag für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, der gute Begegnungen ermöglicht hat und heute den ersten Gottesdienst mit anschließender Gemeindeversammlung. Als evangelische Gemeinde brauchen wir als Grundlage das Wort. Das vierfache Allein von Martin Luther ist uns wichtig. Allein Christus. Allein die Gnade. Allein die Schrift also das Wort Gottes in der Bibel. Allein der Glaube.

Also hören wir auf den Predigttext für den heutigen Sonntag Judika 2 Wochen vor Ostern, Hebräer 13,12-14 Basisbibel

12Darum hat auch Jesus außerhalb der Stadt gelitten.

So hat er durch sein eigenes Blut

das Volk heilig gemacht.

13Lasst uns daher hinausgehen zu ihm –

zu dem Ort außerhalb des Lagers:

Wir wollen die Schande auf uns nehmen,

die er zu tragen hatte.

14Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt.

Wir suchen vielmehr nach der zukünftigen Stadt.

Golgatha, wo Jesus gekreuzigt wurde, liegt außerhalb von Jerusalem. Dort geschieht unser Heil, und deshalb gehören wir auch nach draußen, zu Jesus. Wir können nicht richtig dazugehören zu dem Lauf dieser Welt, weil wir zu dem gekreuzigten und damit ausgestoßenen Jesus Christus gehören. Wir gehören aber auch nicht richtig zur Gegenwart, denn wir suchen die zukünftige Stadt.

Dass wir nicht einfach mehr dazugehören als evangelische Christinnen und Christen, das können wir leider all zu gut nachvollziehen. Beide große Kirchen haben gerade die absolute Mehrheit in diesem Land verloren. Als meine Frau und ich 1993 nach Messel gekommen sind, gab es fast 2000 Evangelische, ungefähr die Hälft des Ortes. Heute sind es noch 1200 von 4000. Immerhin noch mehr als ein Viertel der Bevölkerung.

Von unserem heutigen Predigttext her ist das nicht nur zu bedauern, sondern eigentlich unser Ort. Draußen vor der Stadt. Ausgerichtet nicht auf die gegenwärtige Stadt, sondern auf die zukünftige.

Jetzt versuchen wir natürlich vieles, um dazu zu gehören. Wir versuchen, die christlichen Inhalte häppcheweise und  mundgerecht unter die Leute zu bringen. Wir müssen uns deshalb auf die Möglichkeiten der Leute einlassen. Die Leute wollen heute kurze Botschaften. Okay, also muss die Botschaft kurz und knackig sein.

Die Leute wollen heute leicht verständliche Texte und Musik. Okay, dann kommen wir ihnen entgegen.

Die Leute wollen heute möglichst keine Anstrengung. Gut, dann machen wir es ihnen möglichst leicht und schieben die schwierigen und anspruchsvollen Inhalte erst mal nach hinten.

Sie merken: da kommt man leicht auf eine absteigende Bahn. Vielleicht ist es an der Zeit, wahrzunehmen. Wir gehören nach draußen und auf die Zukunft hin ausgerichtet. Unsere Anpassung hat Grenzen. Wir können es nicht vermeiden: wir haben eine Botschaft, die ist nicht einfach anzunehmen. Da steckt was Ärgerliches drin. Und gerade deshalb passiert da etwas heilsames.

Der Kreuzestod Jesu ist eine Schande. Er ist das Gegenteil von Dazugehören, In-Sein, Cool-Sein. Da müssen wir als Christinnen und  Christen mitgehen. Nur so passiert in uns und an uns etwas von diesem Heil.

Das Heil, das von diesem Kreuzestod ausgeht, ist etwas, das uns völlig anders und mit ganz anderer Offenheit in die Zukunft gehen lässt. Was jetzt ist, sehen wir mit anderen Augen. Mit einem Blick der das Leiden sieht und auf die Zukunft hofft.

Wir sind außerhalb. Und das ist auch gut so. Nur so sind wir der Gegenwart nicht ausgeliefert. So entsteht Freiheit.

Wir müssen den Leuten nicht nachlaufen. Unsere Botschaft ist so stark, dass Menschen dazu kommen werden. Wenn wir die Stärke dieser Botschaft wirken lassen und nicht das zu verstecken suchen, was heute nicht reinpasst.

Liebe neue Evangelische Kirchengemeinde Dieburger Land, wir haben in den Ortsgemeinden unterschiedliche Traditionen. Wir fangen an, ein wenig mehr davon wahrzunehmen. In der Verschiedenheit liegen Reibungspunkte. Das kann knirschen. Aber da liegt auch eine große Chance. Wir bekommen jetzt in der Begegnung ein wenig einen Blick von außen. Nutzen wir diesen Blick, so gut wir können. Denn wir Christen gehören zu Jesus, der draußen vor der Stadt gekreuzigt wurde.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Wir wissen nicht, wie es sein wird. Wir wissen nicht, wie das Schrumpfen der evangelischen Kirche weitergeht. Wir versuchen, uns stark aufzustellen. Aber wenn uns das nicht gelingt, das mit dem stark aufstellen: das gehört zu dem, was wir sind: draußen. Bei Jesus. Dort, wo das Schwierige verwandelt wird. Weil es vor Gott gebracht wird.

Wir wissen nicht, wie die Evangelische Kirchengemeinde Dieburger Land in 10 Jahren aussehen wird. Wir können nur unseren Teil dazu beitragen, dass es gut wird, so wie wir heute gut verstehen. Was das im Einzelnen heißen kann, dazu gibt es heute die Gemeindeversammlung und es wird viele Möglichkeiten geben, sich einzubringen als einzelne evangelische Christin, als einzelner evangelischer Christ.

Ich möchte uns heute vor Augen stellen: das Wunder dieser Verwandlung. Jesus ist draußen. Dort am Kreuz. Außerhalb. Das Gegenteil von dazu gehören.

Und dort geschieht das Entscheidende. Es beginnt eine neue Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft derer, die durch dieses Draußensein hindurch gegangen sind. Die ein neues Dazugehören suchen. Eine Gemeinschaft, die versucht, ohne Ausstoßen auszukommen. Weil die Liebe Gottes Raum bekommt.

Eine Gemeinschaft, in der gilt: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat  zu Gottes Lob.  Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Liebt Gott, den Nächsten, euch selbst und sogar die Feinde. Das ist natürlich total schwer. Das können wir nicht von uns aus. Darauf können wir uns nur zubewegen. Darauf können wir uns nur zubewegen im Blick auf Jesus, dessen Kreuz verwandelt wurde in der Auferstehung. Darauf können wir uns nur zu bewegen in der Hoffnung auf Gott, der mächtiger ist als alles, was der Bewegungsrichtung Jesu zu einer neuen Gemeinschaft entgegensteht. Da können wir uns nur hinbewegen in der Hoffnung, dass Gott unsere Welt verändert und wir ein kleiner Teil dieser Veränderung sind.

Im Hinblick auf die Kirchengeschichte müssen wir dazu sagen: Die Geschichte der Kirche ist die Kritik der Kirche. Was Jesus wollte, war das Reich Gottes, was kam, war die Kirche. Also, wir sind noch ganz schön weit entfernt davon, zu dieser verwandelten neuen Gemeinschaft zu werden. Aber das zu sehen, ist der Anfang davon, dass es anders wird. Jesus hat zur Umkehr aufgerufen im Zeichen der Guten Nachricht. Wir Evangelischen sind entstanden bei dem Aufruf von Martin Luther, das mit der  Buße, also der Umkehr, ernst zu nehmen und nicht bürokratisch auszulagern auf die Ablassbriefe. Das Verwandeltwerden dort bei Jesus, draußen vor der Stadt, am Kreuz, das ist unsere Chance. Ergreifen wir sie!

Und der Friede Gottes…