Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.
Liebe Gemeinde,
heute am Karfreitag denken wir an den Tod Jesu. Wir haben heute eine Predigttext, der nicht direkt den Tod Jesu erzählt. Aber er befasst sich mit den Folgen dieses Todes für uns.
Ich lese 2. Korinther 5,19-21:
19Ja, in Christus war Gott selbst am Werk,
um die Welt mit sich zu versöhnen.
Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet.
Und uns hat er sein Wort anvertraut,
das Versöhnung schenkt.
20Wir treten also im Auftrag von Christus auf.
Ja, Gott selbst lädt die Menschen durch uns ein.
So bitten wir im Auftrag von Christus:
Lasst euch mit Gott versöhnen!
21Obwohl Christus ohne jede Sünde war,
hat Gott ihm unsere Sünde aufgeladen.
Denn durch die Verbindung mit Christus
sollen wir an Gottes Gerechtigkeit teilhaben.
Wir brauchen Versöhnung. Unsere Gesellschaft braucht Versöhnung. Unsere Gesellschaft ist gespalten. Und es wird immer schwieriger miteinander zu reden, wenn man politisch auf verschiedenen Seiten steht. Impfgegner gegen Impfbefürworter ist heute ein erbitterter Kampf. Mitgefühl mit Menschen, die leiden zum Beispiel unter Arbeitslosigkeit, ist nicht mehr selbstverständlich. Bekannte PolitikerInnen werden im Netz mit Morddrohungen auch gegen ihre Familien überschüttet. Wir leben zunehmend gegeneinander statt miteinander. Versöhnung wäre die Lösung. Aber das war noch nie so schwer wie heute. Wie könnte das also gehen?
Ich weiß es nicht. Manchmal versuche ich es mit die Unterschiede ignorieren, die strittigen Themen meiden und über etwas anderes reden. Das funktioniert für höflichen Kontakt. Aber Versöhnung entsteht dabei nicht. Mit dem anderen über die Verletzungen reden, und ansprechen, wo ich mich über den anderen geärgert habe, habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Versöhnung ist daraus nur sehr selten entstanden. Eher noch mehr Trennung. Also wie ist Versöhnung, die wir alle so dringend brauchen möglich?
Und jetzt befinden wir uns noch auf der menschlichen Ebene. Versöhnung mit Gott möchte unser Predigttext anstoßen. Das ist nochmal komplizierter oder?
Meine erste Frage dazu ist: Wieso brauche ich eigentlich Versöhnung mit Gott? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mit ihm Streit gehabt hätte. Paulus sieht das etwas anders. Er denkt: Wir alle sind von Gott getrennt und zwar durch die Macht der Sünde. Niemand hält sich vollständig an die göttlichen Gebote. Niemand ist so freundlich wie er sein sollte und liebt seinen Nächsten wie sich selbst.
Und Gott meinte: „Dagegen muss ich etwas tun.“ Und deshalb hat er Jesus Christus zu uns geschickt, um die Welt mit sich zu versöhnen. Um den Graben, den die Sünde zwischen Gott und uns Menschen gerissen hat, zuzuschütten. Das Verfahren ist: Jesus Christus tauscht seine Gerechtigkeit gegen unsere Sünde. Und er stirbt und damit ist die Sünde weg. Übrig bleibt seine Gerechtigkeit in uns. Und damit können wir uns wieder dem gerechten Gott nähern, denn wir haben die Gerechtigkeit Jesu quasi angezogen. Durch unsere Verbindung zu Jesus Christus sind wir gerecht vor Gott. Und so ist die Beziehung zu Gott gekittet.
Aber nicht nur unsere Beziehung zu Gott ist wieder geheilt, wir haben damit auch eine Aufgabe übernommen. Im Auftrag von Jesus Christus sollen wir diese Heilung der Beziehung zu Gott auch allen andere anbieten. Unser Angebot: Verbinde dich mit Jesus Christus und Gott wird dich als gerecht betrachten. Egal was du falsch gemacht hast, Gott betrachtet dich als wäre das nie passiert. Gott sieht nur auf das Gute in dir.
So die Auffassung von Paulus.
Aber warum sollte mich das interessieren? Lasst euch versöhnen mit Gott! fordert Paulus uns auf. Aber warum sollten wir das tun?
Ein Buch eines Katholiken verkauft sich gerade sehr gut. Es heißt: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Ich kann doch nicht auf Leute zugehen und sagen: Lass dich versöhnen mit Gott. Und die Leute antworten: Was interessiert mich Gott. Was soll ich mit dem?
Paulus würde sich über so eine Einstellung wundern. Er findet es hochgradig gefährlich, wenn die Beziehung zu Gott gestört ist. Damit verliert man das ewige Leben in der Zukunft. Und natürlich verliert man auch das ewige Leben in der Gegenwart. Jesus würde sagen, wenn jemand noch nicht mal ein Problem mit einer gestörten Beziehung zu Gott hat, dann hat er seine Seele verloren.
Leben wir heute in einer Welt, in der viele ihre Seele verloren haben?
Ja, ich denke schon. Und das zeigt sich in der Unversöhnlichkeit miteinander. Es zeigt sich in dem mangelnden Mitgefühl miteinander. Es zeigt sich darin, dass wir es nicht schaffen über das was uns trennt, in ein Gespräch zu kommen, das in Richtung Versöhnung weist. Und das ist zum Verzweifeln. Wenn miteinander reden nicht mehr möglich ist, dann ist das traurig. Und es lässt uns hilflos zurück.
Hier zeigt sich, die beiden Fragen hängen zusammen. Die Frage nach der Versöhnung mit Gott und die Frage nach der Versöhnung von uns Menschen untereinander. Unsere Seele sollte auf Gott ausgerichtet sein. Und unsere Seele sollte Versöhnung zwischen uns Menschen anstreben. Das ist nahezu das Gleiche.
Und somit sind wir wieder bei der Frage: Wie kann Versöhnung gelingen? Gott hat es uns in Jesus Christus gezeigt. Aber das ist ein sehr herausfordernder Weg. Jesus Christus hat sein Leben gegeben. Jesus Christus hat auf sein eigenes Recht verzichtet und seine Gerechtigkeit auf uns übertragen. Er hat damit den Graben zwischen Gott und uns überwunden und die Verbindung zu Gott wiederherstellt, die wir durch unser falsches Handeln und falsches Denken abgebrochen hatten.
Möglicherweise gelingt Versöhnung nur so. Versöhnung mit Gott, aber auch Versöhnung unter uns Menschen. Es ist sehr selten, dass beide aufeinander zugehen und sagen, es tut mir Leid, was ich dir angetan habe. Es wird eher so sein, dass die eine sagt: Du hast mir das und das angetan und die andere antwortet, du hast mir aber vorher das und das getan. Damit kommt man selten weiter. Bessere Chancen für Versöhnung gibt es auf dem Weg Jesu. Wenn wir unseren Ärger über den anderen überwinden und uns fragen: Was ist mein Anteil an diesem Streit? Wann habe ich selbst unversöhnlich reagiert? Wann habe ich entschieden, dass ich zu genervt bin, um mich weiter um die andere Person zu bemühen? Wo habe ich mich enttäuscht zurückgezogen, weil meine unausgesprochenen Erwartungen nicht erfüllt wurden? Wenn ich mir das klar gemacht habe, kann ich auf den anderen zugehen: Nicht mir Vorwürfen sondern mit Einsicht in den eigenen Anteil. Auch das beinhaltet keine Garantie, dass dann Versöhnung funktioniert. Aber die Chancen steigen.
Jesu Leiden und Sterben hat auch nicht dazu geführt, dass alle Menschen das Angebot angenommen haben, sich mit Gott versöhnen zu lassen. Viele haben sich entschieden, lieber mit Gott nichts zu tun haben zu wollen. Paulus sagt: Das ist gefährlich für die eigene Seele. Lieber im eigenen Ärger zu verharren, statt einen wenn auch noch so kleinen Anteil an der Unversöhnlichkeit in sich selbst zu finden, das ist gefährlich für die eigene Seele. Aber es ist halt einfacher und es erfordert nicht den eigenen Stolz zu überwinden. Tja deshalb wähle ich meistens diese Möglichkeit und gefährde lieber die Beziehung und meine Seele als den schwereren Weg zu gehen, mich um meine eigenen Fehler zu kümmern. Und ich bin damit nicht alleine.
Zum Glück hat Gott anders gehandelt. Zum Glück hält Gott sein Angebot zur Versöhnung aufrecht auch wenn ich es meistens ablehne.
Es gibt also noch Hoffnung. Und trotz all unserer Fehler und all unserer Unversöhnlichkeit bleibt es unsere Aufgabe die Botschaft weiter zu tragen: Lasst euch versöhnen mit Gott! Und versucht Versöhnung mit den anderen. Übrigens sammelt sich oft am meisten Ärger an gegenüber Menschen, die uns nahe stehen. Und da lohnt es sich besonders, sich um Versöhnung zu bemühen, indem wir die eigenen Fehler im Umgang mit ihnen wahrnehmen.
und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!