Reformationstag 31.10.21 Albrecht Burkholz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, heute feiern wir Reformation. Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther gegen den Ablasshandel Stellung bezogen mit seinen 95 Thesen und damit begann der Weg, der zur Evangelischen Kirche führte. Wir feiern heute also den 504. Geburtstag der Evangelischen Kirche.

Im April 1521 musste Martin Luther vor dem Kaiser Karl V in Worms erscheinen. Er sollte all seinen Schriften widerrufen. Der Papst hatte gesagt, dass es Irrlehre sei. Und der Kaiser sollte dieses Urteil vollziehen, aber er wollte vorher noch Martin Luther die Gelegenheit zum Widerruf geben. Martin Luther sagte: Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen. Mein Gewissen ist durch Gottes Wort gebunden. Ich kann nicht widerrufen.

So bekamen die evangelischen Christen den Namen Protestanten. Sie protestierten, sogar vor dem Kaiser. Sie legten Protest ein um der Wahrheit. Ihr Gewissen, geschärft durch die Bibel, gab ihnen diese innere Freiheit. Friedrich Schiller hat das später als „Männerstolz vor Königsthronen“ bezeichnet. Eine große innere Unabhängigkeit war da entstanden. Weil Martin Luther die Kraft des christlichen Glaubens neu entdeckt hatte. Und damit die Gewissensfreiheit.

Alle, die später im Namen des Gewissen Protest eingelegt haben, haben das unter Berufung auf Martin Luther und nach seinem Vorbild getan. Die Geschwister Scholl, die am Ende des 2. Weltkriegs Flugblätter gegen Hitler an der Uni in München und dann hingerichtet wurden. Oder Martin Luther King, der als Pfarrer gegen die Rassentrennung in den USA vorging, erschossen wurde, aber dadurch erst richtig wirksam wurde.

Evangelisch sein heißt also frei sein. Kein Kaiser und kein Papst kann in meine inneren Überzeugungen hineinregieren. Innerlich bin ich frei und das heißt auch, dass es Grenzen gibt für das, was man von mir fordern kann. Tief in meinem Inneren verbindet mich mein Glaube mit Gott und dort entsteht meine innere Unabhängigkeit und meine Gewissensfreiheit. Evangelisch sein heißt frei sein. Evangelisch sein, heißt selbst denken. Evangelisch sein heißt modern christlich sein. Evangelisch sein heißt unabhängig sein. Evangelisch sein heißt: ich bin meinem Gewissen und Gottes Wort verpflichtet und sonst gibt es nur begrenzte Pflichten. Die evangelische Freiheit ist das wichtigste Erbe und das wollen wir auch nach 504 Jahren gut pflegen und anwenden.

Dazu passt unser heutiger Predigtext aus dem Galaterbrief Kapitel 5 die Verse 1-6.

Christus hat uns befreit,

damit wir endgültig frei sind.

Bleibt also standhaft und unterwerft euch nicht wieder

dem Joch der Sklaverei!

2Ich, Paulus, sage euch:

Wenn ihr euch beschneiden lasst,

wird Christus euch nichts nützen.

3Ich sage es noch einmal mit allem Nachdruck jedem,

der sich beschneiden lässt:

Er ist verpflichtet, das ganze Gesetz einzuhalten.

4Ihr habt dann mit Christus nichts mehr zu tun.

Jeder, der durch das Gesetz

vor Gott als gerecht gelten will,

hat damit die Gnade verspielt.

5Wir aber dürfen durch den Geist Gottes hoffen,

aufgrund des Glaubens vor Gott als gerecht zu gelten.

6Denn wenn wir zu Christus Jesus gehören,

spielt es keine Rolle,

ob jemand beschnitten ist oder nicht.

Es zählt nur der Glaube, der sich in Liebe auswirkt.

Paulus wehrt sich damit gegen Petrus und andere Apostel. Die wollen den neuen Christen vorschreiben, wie Juden zu leben. Also sich beschneiden zu lassen und sich an die Speisegebote zu halten. Paulus, der vor kurzem noch die Christen verfolgt hatte, ist voller Leidenschaft anderer Meinung. Glaube heißt frei sein, auch von den gesetzlichen Vorschriften. Wer anfängt, das Gesetz zu erfüllen, muss es vollständig erfüllen. Das schafft niemand. Deshalb sind wir auf die Gnade angewiesen. Wir sind darauf angewiesen, dass Gott großzügig ist. Dass Gott die Beziehung mit uns stärkt, obwohl wir so viel falsch machen. Unsere einzige Aufgabe ist es, frei zu sein und frei zu bleiben, zu glauben und in der Liebe tätig zu sein.

Paulus ist in Sorge, dass die Christen in Galatien, eine Gegend in der heutigen Türkei, sich wieder einfangen lassen. Dass sie sich die Freiheit nehmen lassen. Dass sie sich beschwätzen lassen. Dass sie nicht standhaft bleiben, sondern sich unterwerfen. Freiwillig zu Sklaven machen lassen.

Das kann uns doch nicht passieren, oder? Dass wir uns unterwerfen und freiwillig zu Sklaven machen lassen. Wir sind doch nicht doof.

Wie ist das mit Sucht? Die Übergänge von hartnäckigen Gewohnheiten zur Sucht sind fließend. Und viele tun ständig etwas, was ihnen nicht gut tut. Zu viel Schokolade, Rauchen, Alkohol, Computerspiele, Bildschirmzeit. Zu Silvester steigen immer die Anmeldungen im Fitnessstudio, aber nur wenige gehen dann auch regelmäßig hin.

Und ist es wirklich frei, wenn man durch soziale Netzwerke dazu genötigt wird, sich auf eine bestimmte Weise zu stylen. Also nicht so zu sein, wie man ist oder gerne wäre, sondern so, wie man denkt, dass es erwartet wird.

Wir merken: das mit der Freiheit ist schwieriger als zunächst gedacht. Die Bibel erzählt dazu eine tolle Geschichte. Die Israeliten waren versklavt in Ägypten. Sie mussten Zwangsarbeit leisten. Sie wurden geschlagen. Ihre Kinder wurden ihnen weggenommen. Und dann kamen sie in die Freiheit. Mose hat sie im Auftrag Gottes in die Wüste geführt. 40 Jahre waren sie in der Wüste und mussten erst mal mühsam die Regeln der Freiheit lernen. Und oft genug haben sie sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurückgesehnt. Obwohl ihnen das Gelobte Land verheißen war, das Land, wo Milch und Honig fließt, das Land voller Überfluss und Gelingen.

Das mit der Freiheit ist ein mühsamer Weg. Die Regeln der Freiheit müssen wir einstudieren. Leider ist das ein anstrengender Weg. Aber er lohnt sich.

Liebe Gemeinde,

wo bei uns jetzt gerade die Gefahren für die Freiheit liegen – das müssen Sie selbst sich überlegen. Gott meint es gut mit uns. Gott will unsere Freiheit. Und wir sind ständig in der Gefahr, die innere Freiheit zu verspielen. Wir pflegen das Gespräch mit Gott, damit Gott uns freundlich und großzügig anschaut und wir uns selbst wahrnehmen, wie wir sein könnten. Und damit wir uns dann auf den Weg machen um so zu werden, wie wir sein können. Damit wir in unserem Leben Glaube, Liebe und Hoffnung möglichst viel Raum geben und so die innere Freiheitskraft stärken.

Einzelne Menschen können mit Überzeugungskraft und innerer Unabhängigkeit viel erreichen. Martin Luther hat die Welt für immer verändert.

Ich möchte Sie ermutigen, in bestimmten Situationen für die Wahrheit einzutreten. Manchmal kann man damit viel erreichen. Seien Sie dabei aber auch vorsichtig. Wir heute in unserer Demokratie müssen uns ja nicht unnötig selbst in Gefahr bringen.

Meine Frau und ich sind kirchenpolitisch gerade erfolgreich. Wir versuchen zu erreichen, dass die kleinen Kirchengemeinden nicht zu sehr geschwächt werden. Dabei ist es manchmal wichtig, schnell zu sein und mit dem ersten Beitrag einer Diskussion die Richtung zu geben.

Natürlich macht man sich mit entschiedenen Stellungnahmen nicht bei allen beliebt. Aber man kann ja auch höflich streiten und dabei versuchen, möglichst wenig Porzellan zu zerschlagen.

Martin Luther ist in der Hinsicht leider auch ein abschreckendes Beispiel. Meiner Ansicht nach war er viel zu dickköpfig und rechthaberisch. Zum Beispiel hat er nicht akzeptiert, dass die Schweizer Evangelischen beim Abendmahl etwas anders gedacht haben als er. Wir sollten uns also gut überlegen: trete ich jetzt für die göttliche Wahrheit ein oder bin ich nur rechthaberisch. Das ist nicht leicht zu unterscheiden. Deshalb ist es gut, wenn wir als Kirche miteinander reden und einander korrigieren.

Wir brauchen beides: Anpassung und Widerstand. Wenn Menschen nicht kompromissbereit und anpassungsbereit sind, kommt man zu nichts. Aber manchmal muss um der Wahrheit willen gestritten werden: wenn Menschen mies behandelt werden. Wenn die Entwicklung auf eine Katastrophe zuläuft. Wenn etwas sehr schief läuft.

Und manchmal muss man auch für die Wahrheit eintreten, damit spätere Zeiten darauf Bezug nehmen können. Die Geschwister Scholl haben erst nach dem Ende der Nazi-Zeit ihr Ziel erreicht. Sie waren wichtig als Zeichen für Zivilcourage in Deutschland.

Liebe Konfis, ihr werdet in eurem Leben viele Probleme lösen müssen. Und ihr könnt das auch. Ihr habt große Fähigkeiten und die wachsen noch erheblich.

Ich wünsche eurer Generation, dass ihr trotz des Corona-Einschnitts eure innere Freiheit bewahren könnt. Ich wünsche euch, dass das mit dem Klimawandel begrenzt und beherrschbar bleibt. Ich wünsche euch eine innere Freiheit. Und viel Glaube, der in der Liebe wirksam ist.

Uns Älteren wünsche ich, dass wir je nach Lebensphase den Zugang zur göttlichen Freiheit finden. Dass wir uns nicht den Zwängen unterwerfen. Dass Glaube und Liebe in uns stark sind und unsere Beziehungen bestimmen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben. 

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