4. Sonntag nach Trinitatis 5.7.20

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen
Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

leider ist nicht immer alles gut. Es gibt das Böse. Und manchmal macht es
uns sehr zu schaffen. Leute sind neidisch und gierig und egoistisch,
manchmal träge und bequem. Sie lügen, stehlen und verletzen. Und sie setzten rücksichtslos ihre eigenen Vorstellungen durch. Das Böse ist eine Realität, auch wenn man nicht an die Personifizierung des Bösen, den Teufel, glaubt, hat man es mit bösen Taten zu tun. 

Wie gehen wir mit dem Bösen um, wenn es uns begegnet? Darauf antwortet Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom.

Römer 12,17-21

17 Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber
stets nur Gutes im Sinn.

18 Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an
euch liegt.

19 Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben.

Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes.

In der Heiligen Schrift steht ja:

»Die Rache ist meine Sache,

ich werde Vergeltung üben –

spricht der Herr.«

20 Im Gegenteil:

»Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen.

Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken.

Wenn du das tust, ist es, als ob du glühende Kohlen auf seinem Kopf
anhäufst.«

21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!


Wir sollen das Böse durch das Gute besiegen. Und Paulus erklärt uns auch im Einzelnen wie wir das machen. Das Wichtigste ist darauf zu verzichten, sich zu rächen. Naja zumindest sich offensiv zu rächen. Subtile Rache befürwortet Paulus hier durchaus. Da rächt man sich, indem man dem anderen beweist, dass man es nicht nötig hat, ihm etwas Böses anzutun und ihn stattdessen mit Wohltaten überschüttet. Dadurch wird der andere, der einem etwas angetan hat, aus der Bahn geworfen und muss sein Gedankensystem neu sortieren und die eigene Person neu bewerten und seine Meinung ändern. Nett ist das auch nicht. Und es hilft auch nicht immer. Aber man kann es ja mal versuchen. Wenn es hilft, dann wird es zu einem neuen Frieden beitragen, den man sich vorher gar nicht vorstellen konnte. Und dann hat man es geschafft: Man hat das Böse mit Gutem besiegt. Und das ist ein gutes Gefühl. Ich habe einen Kampf gewonnen, denn ich habe mein Ziel erreicht, Frieden zu stiften. Und der andere hat das Ziel, mich zu schädigen nicht erreicht. Das ist ein Sieg auf der ganzen Linie.

Manchmal ist es komplizierter. Ich beschreibe vier unterschiedliche
Situationen.

1.     Manchmal geht es nur darum, ein Missverständnis zu klären. Jemand
sieht gezielt an mir vorbei, wenn er mir auf der Straße begegnet. Dann grüße ich betont. Er sieht weg. Das mache ich noch ein paar Mal. Und ich versuche irgendwann mal stehen zu bleiben und über das Wetter zu reden. Und dann habe ich zwei Begegnungen später vielleicht die Chance zu fragen, worüber er sich geärgert hat. Meistens stellt sich dabei heraus, dass ich ihn unabsichtlich beleidigt hatte. Dann kann ich mich entschuldigen und meistens ist die schlechte Stimmung damit beigelegt.

2.     Manchmal geht es um unterschiedliche Meinungen in einer Sache, die einem wichtig ist. Und dann kann man um des lieben Friedens willen nicht einfach zurück stecken und dem anderen zustimmen. Dann will ich meine Meinung vertreten. Ich finde das auch berechtigt.
Ich finde es zum Beispiel wichtig Abstand zu halten und in öffentlichen Verkehrsmitteln Masken zu tragen. Und ich fand es richtig, Geschäfte zu schließen, Großveranstaltungen zu verbieten und viel Homeoffice zu ermöglichen. 
Freunde von mir finden das alles Unsinn und sagen: Diese ganzen Coronaregeln sind Quatsch. Das Virus ist nicht sehr gefährlich. Und wir ruinieren so nur unsere Wirtschaft. Dann kann ich auf die Zahlen in den USA hinweisen und auf medizinische Erkenntnisse, dass den Leuten, die infiziert waren, Langzeitschäden drohen. Und mein Freund kann sagen: Durch den Lockdown werden mehr Leute sterben als durch das Virus, weil psychische Schäden drohen und Leute ihre wirtschaftliche Existenz verlieren und sich mehr Menschen umbringen werden. Solange die Diskussion so läuft und gute Argumente ausgetauscht werden, spricht da nichts dagegen weiter zu
diskutieren. Dann können wir uns am Ende vielleicht darauf verständigen,
dass Fehler gemacht wurden, weil es eine neue Situation war, und es schwer war, immer die richtige Entscheidung zu treffen. Wenn die Diskussion aber zu einem Glaubenskrieg ausartet, dann ist es das nervig für alle Beteiligten. Und das fände ich schade. Dann höre ich lieber auf zu diskutieren und frage meinen Freund nach der Angst, die ihn umtreibt. Und dann können wir uns vielleicht wieder verständigen.

3.     Ganz anders ist es, wenn der andere einfach bösartig drauf ist, weil
ihm etwas Unangenehmes passiert ist, und er seine schlechte Laune an mir
auslässt. Oder er einfach unbeherrscht ist oder es genießt, anderen Ärger zu machen. Es gibt Leute, die bekämpfen jeden, wo sie es sich leisten können, ohne eigene Nachteile zu haben, weil sie sich davon besser fühlen. 

Wenn man es mit so jemandem zu tun hat, dann sollte man versuchen, das Weite zu suchen. Solchen Leuten muss man aus dem Weg gehen. Wenn jemand immer wieder auf mir herumhackt, weil es ihm Spaß macht, dann werde ich das auch mit den von Paulus genannten Strategien wahrscheinlich nicht ändern. Klar kann ich erst mal versuchen ihm Gutes zu tun. Aber wenn das über längere Zeit nichts hilft und er immer nur fieser in seinen Angriffen wird, dann ist es Zeit die Situation aufzulösen, den Job oder die Schule zu wechseln oder anderweitig zu sehen, das sich möglichst wenig mit ihm zu tun habe.

4.     Und dann gibt es noch die schwierigste von allen Situationen. Wenn
das Böse nicht von außen auf mich zu kommt, sondern von innen.
Böse Impulse verspüren nicht nur die anderen. Auch ich würde manchmal ganz gerne jemandem eine reinhauen. Das empfiehlt sich für Frauen gegenüber Männern schon deshalb nicht, weil der Mann meistens körperlich stärker ist. Aber verbal eine Reinhauen das würde ich normalerweise schon schaffen. Und ich finde es manchmal sehr schwer, das zu lassen. Die aggressiven Impulse in mir zu überwinden, wenn ich so richtig wütend bin, dass finde ich am allerschwersten. Ich fühle mich halt auch manchmal verletzt und würde gerne zurückschlagen. Ich rede hier nicht von Kabbeleien auf dem Schulhof, wo Jugendliche manchmal spielerisch ihre Kräfte messen. Dagegen ist nichts zu sagen, solange niemand verletzt wird. Ich rede von erbitterten Auseinandersetzungen – körperlich oder verbal, die Leute ernsthaft beschädigen. Von Kämpfen, wo einer am Ende eine zerstörerische Niederlage erleidet. Und ich habe in mir manchmal den Wunsch, einen solchen Kampf zu führen und zu gewinnen. Auch wenn ich weiß, dass das in der Regel total unvernünftig ist. Und dazu sagt Paulus: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Es wäre schön, das immer zu schaffen. Und wenn es gelingt, dann dadurch, dass ich einen inneren Abstand von meinen aggressiven Wünschen finde, dass ich mich darauf konzentriere, zu versuchen den anderen zu verstehen und vernünftig abwäge, wozu das führen wird. Es ist sinnlos Konflikte zu führen, bei denen alle Beteiligten nur verlieren können. Und trotzdem werden solche Kämpfe geführt, weil die Beteiligten ihre Gefühle nicht unter Kontrolle haben oder ihre Möglichkeiten falsch einschätzen.
Meistens ist es sicherer den Frieden zu suchen und einen Kompromiss zu
schließen. 

Und dann verweist Paulus uns noch auf die höhere Gerechtigkeit. Wenn ich darauf verzichte, mich zu rächen oder einen Kampf zu führen, weil ich ihn nicht gewinnen kann, dann gibt es immer noch den Satz: Die Rache ist meine Sache. Ich werde Vergeltung üben! Spricht Gott. Ich kann und muss nicht für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Die kann ich in Frieden Gott überlassen.

Sie sehen, es ist nicht so einfach, das Böse mit Gutem zu überwinden, in den anderen nicht und in mir selbst nicht. Aber es lohnt sich, weil wir so eine Chance haben, in Frieden zu leben. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei dem Versuch, Paulus Rat zu folgen und das Böse mit gutem zu überwinden. 

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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