Die Ehe erhalten 22.10.23

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

als wir den heutigen Predigttext im Kirchenvorstand besprochen haben, haben sich einige über den Text aufgeregt, weil sie fanden: Das ist ein veraltetes Bild über das Verhältnis der Geschlechter. Heute sehen wir das ganz anders. Seien Sie gespannt auf

Markus 10,2-9

Da kamen Pharisäer und fragten ihn:

»Darf sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen?«

Damit wollten sie Jesus auf die Probe stellen.

3Jesus antwortete:

»Was hat euch Mose vorgeschrieben?«

4Da sagten die Pharisäer: »Mose hat erlaubt,

dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellt und sie wegschickt.«

5Jesus erwiderte:

»Nur weil ihr euer Herz gegen Gott verschlossen habt,

hat Mose euch dieses Gebot gegeben.

6Aber vom Anfang der Welt an

hat Gott die Menschen als Mann und Frau geschaffen.

7 Deshalb verlässt ein Mann

seinen Vater und seine Mutter

und verbindet sich mit seiner Frau.

8Die zwei sind dann eins mit Leib und Seele.

Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ganz eins.

9Was Gott so verbunden hat,

das soll der Mensch nicht trennen.«

Was fanden Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher hier falsch. Eine fühlte sich bei Vers 7 und 8 an Ehen aus der vorigen Generation erinnert. Vers 7 und 8 lautet: 7 Deshalb verlässt ein Mann

seinen Vater und seine Mutter

und verbindet sich mit seiner Frau.

8Die zwei sind dann eins mit Leib und Seele.

Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ganz eins.

Sie dachte an Männer, die völlig unselbständig sind und sich noch nicht mal selbst einen Kaffee kochen können, weil sie alle Hausarbeit ihrer Frau überlassen haben. Das fand sie einfach nicht gleichberechtigt genug.

Das fand ich wiederum spannend, denn diese Verse sind ein Zitat aus dem Alten Testament, aus der Schöpfungsgeschichte, in der das Verhältnis von Frauen und Männern, beschrieben wird. Und das hier ist ein ganz alter Hinweis auf eine matrilineare Gesellschaft, die es zur Zeit Jesu nicht mehr gab.  In matrilinearen Gesellschaften ist die Familie der Frau der zentrale Ort. Die Kinder haben oft ein engeres Verhältnis zum Bruder ihrer Mutter als zum eigenen Vater. Die Männer zogen in die Familie ihrer Frauen und musste sich dort einfügen. Zur Zeit Jesu zogen die Frauen in den Haushalt des Mannes und nicht mehr die Männer in den Haushalt der Frau.

Andere im Kirchenvorstand wiesen darauf hin, dass in der Evangelischen Kirche im Gegensatz zur Katholischen Kirche Geschiedene wieder kirchlich heiraten dürfen. Und Ehescheidung ist ja auch manchmal die bessere Lösung im Vergleich zu einem schrecklichen Zusammen bleiben, dass allen Beteiligten einschließlich der Kinder nicht gut tut.

Ich glaube allerdings, dass es in diesem Text um etwas anderes geht als ein Verbot, sich scheiden zu lassen. Man muss Texte im Zusammenhang mit der der Lebenswirklichkeit der Menschen, die den Text geschrieben haben, lesen. Und da war die Situation zur Zeit Jesu eine völlig andere als heute. Liebesheiraten waren die Ausnahme. Ehen wurden von den Familien arrangiert. Rechtlich gesehen waren im Römischen Reich die Kinder Eigentum des Mannes. Sohn und Sklave sind im Griechischen das gleiche Wort. Die Situation der Ehefrauen war etwas anders, da ihre Herkunftsfamilien in den Eheverträgen versucht haben die Position ihrer Töchter zu stärken. Aber das galt nur für Frauen aus reichen Familien. In allen anderen Familien waren die Frauen vollständig wirtschaftlich von ihren Männern abhängig. Und sie hatten als geschiedene Frauen und als Witwen, die nichts erben durften, oft schlechte Überlebenschancen.

Ist Ihnen aufgefallen, dass in unserem Predigttext Jesus nur die Männer anspricht? Ihnen wird verboten, sich scheiden zu lassen und ihre Frauen wegzuschicken. Dass Frauen sich von sich aus trennen könnten, oder eine Scheidung wünschen könnten, wird nicht in den Blick genommen, obwohl es das damals durchaus gab – aber nur bei reichen Frauen.

Wieso verbietet Jesus also den Ehemännern sich von ihren Frauen scheiden zu lassen?

Jesus verbietet die Ehescheidung hier aus sozialen Gründen. Nur wenn die Männer zuverlässig für ihre Frauen sorgen, können diese in Sicherheit leben. Denn wenn ihr Mann sie wegschickt, wird eine Ehefrau ein elendes Leben am Rande der Gesellschaft fristen, oder sie wird gar nicht überleben können. Mit dem Verbot der Ehescheidung für die Männer sichert Jesus auch den Kindern ihre Mütter. Wenn die Frauen den Haushalt verlassen mussten, blieben die Kinder normalerweise ohne ihre Mütter zurück und waren den Verwandten des Mannes oder der neuen Frau ausgeliefert. Und die Frauen verloren ihren Zugang zu ihren Kindern. Jesus zeigt sich hier mit dem Verbot der Ehescheidung als jemand, der versucht die Schwächeren zu schützen. Und er findet, dass Gott es so geordnet hat, dass es die Aufgabe der Stärkeren ist, sich um die Schwächeren zu kümmern und ihre Stärke nicht für sich selbst auszunutzen.

Nachdem wir im Kirchenvorstand, die sozialgeschichtlichen Hintergründe des Verbotes der Ehescheidung damals geklärt hatten, konnten wir uns auf die Bedeutung des Predigttextes für uns heute konzentrieren.

„Eine Ehe ist viel Arbeit. Und es gibt schwierige und gute Zeiten“ meinte eine Kirchenvorsteherin. „Aber wenn man die schwierigen Zeiten gemeinsam bewältigt hat, dann entsteht dabei eine Vertrautheit, die man sonst im Leben gar nicht mehr erreichen kann. Und das ist etwas ungeheuer Wertvolles.“

Wenn das gelingt, dann werden die zwei eins mit Leib und Seele. Und das ist ein Wunsch oder ein Ziel oder vielleicht auch nur eine Hoffnung, der wir folgen können. Jeder weiß, dass wir damit scheitern können. Jede weiß, dass zusammen zu sein und den Alltag miteinander zu teilen anstrengend sein kann. Und wir alle wissen, dass menschliche Beziehungen niemals perfekt sein werden. Doch oft lohnt es sich, um jede Gemeinsamkeit mit den Menschen, die wir lieben, zu kämpfen.  

Wie Jesus sagt: Was Gott zusammen gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Aber woher wissen wir, was Gott zusammen gefügt? Katholisch ist die Antwort klar, wenn jemand kirchlich heiratet, dann empfängt er in der Kirche den göttlichen Segen zu dieser Ehe. Und damit kann man sagen: Gott hat diese Ehe zusammen gefügt. Und das heißt, es ist verboten, sie zu scheiden.

Evangelisch ist das etwas komplizierter. Wir unterscheiden hier stärker, was die Kirche tut und was Gott tut. Und wenn die Kirche etwas zusammen gefügt hat, heißt das noch lange nicht, dass Gott das auch getan hat. Wir versuchen hier Gottes Willen zu erkennen, aber wir rechnen auch damit, dass wir uns dabei irren können.

Margot Käßmann hat dazu etwas Gutes geschrieben. Sie sagt sinngemäß: „Ich bejahe die Unauflöslichkeit der Ehe. Ich finde eine Ehe sollte ein verbindlich sein und ein Leben lang halten. Nur bin ich mit dem Versuch, dies zu leben, gescheitert. Und das war unendlich schmerzhaft. Aber am Ende hatte ich nicht Macht, daran etwas zu ändern.“

Jetzt kann man der Meinung sein, dass viele heutzutage zu schnell aufgeben, und sich trennen, obwohl ihre Ehe noch zu retten gewesen wäre. Aber ich wäre da vorsichtig mit Urteilen von außen. Wie sie etwas von innen anfühlt, können wir nur schwer sehen. Klar wäre es schön, wenn alle Beziehungen glücklich, verlässlich und vertraut und vertrauensvoll wären. Aber so ist das Leben nicht. Wir können uns das wünschen und wir können daran arbeiten. Aber wenn es geschieht und etwas von diesem Glück aufleuchtet, dann sollten wir vor allem Gott danken. Denn wir wissen das ist alles nicht selbstverständlich und auch nicht unbedingt das eigene Verdienst. Genießen wir das Glück einer vertrauensvollen Beziehung solange es dauert und freuen uns an dem, was uns da geschenkt wird. Denn es ist schwer genug so etwas zu finden.

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!