Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.
Liebe Gemeinde,
wie geht moralisches Handeln und wie wird es begründet? Gibt es allgemeine für alle verbindliche Regeln oder entscheidet jeder selbst welchen Regeln er oder sie folgen möchte?
Nun es gibt auf jeden Fall in unserem Land Gesetze, die für alle gelten. Das sind sehr viele Gesetze und kein Mensch kann die alle kennen und sich merken. Aber vor allem sind es Verbote. Verbote begründen aber noch keine allgemeine Moral und können uns auch nur begrenzt als leitende Prinzipien dienen. Und vor allen Dingen werden wir versuchen sie umgehen, wenn sie uns nicht einleuchten und nicht gut begründet sind oder zu unseren Werten passen.
Hier im ersten Johannesbrief wird uns ein allgemeines Prinzip vorstellt, dass wir auf die meisten Situationen anwenden können und was uns sagt: Das ist richtiges Handeln und das nicht. Und es wird begründet im Handeln Gottes uns gegenüber. Ich lese
1.Johannes 4,7-12
7Ihr Lieben, wir wollen einander lieben.
Denn die Liebe kommt von Gott.
Und wer liebt, hat Gott zum Vater und kennt ihn.
8Wer nicht liebt, kennt Gott nicht.
Denn Gott ist Liebe.
9So ist Gottes Liebe bei uns sichtbar geworden:
Gott sandte seinen einzigen Sohn in die Welt,
damit wir durch ihn das wahre Leben bekommen.
10Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt haben,
sondern dass er uns geliebt hat.
Er hat seinen Sohn gesandt.
Der hat unsere Schuld auf sich genommen
und uns so mit Gott versöhnt.
11Ihr Lieben, wenn Gott uns so sehr geliebt hat,
dann müssen auch wir einander lieben.
12Niemand hat Gott jemals gesehen.
Aber wenn wir einander lieben,
bleibt Gott mit uns verbunden.
Dann hat seine Liebe in uns ihr Ziel erreicht.
Liebe ist ein offenes Prinzip. Wir müssen im Einzelfall immer noch darüber nachdenken: Was ist hier liebevolles Verhalten? Und was entspricht der Liebe Gottes zu uns? Ich glaube nicht, dass es hier um ein überschwängliches Gefühl gegenüber unseren Mitmenschen geht, sondern um eine Verbundenheit, die dem anderen Gutes wünscht und ihm Gutes tun möchte. Und diese Verbundenheit bezieht sich erst einmal auf unsere Mitchristinnen und Mitchristen. Hier soll eine Gemeinschaft entstehen, die widerspiegelt, was wir Gutes von Gott empfangen haben.
Das klingt erst mal einfach und einleuchtend. Und dass die ersten Christinnen und Christen das versucht haben, hat viel zu ihrer Anziehungskraft gegenüber Anhängerinnen und Anhängern anderer Religionen beigetragen und hat das Christentum von unten wachsen lassen.
Das Ganze ist aber nicht im luftleeren Raum entstanden. Die johanneischen Schriften setzen eine Situation voraus, in der die Luft die für Gemeinden langsam dünn wird und sie in eine Verfolgungssituation hineinschlittern. Sie haben sich vom Judentum getrennt und damit die jüdischen Privilegien nicht dem Kaiser opfern zu müssen verloren. Das heißt sie sind extrem aufeinander angewiesen und darauf, dass niemand aus den eignen Reihen den anderen bei den Behörden anschwärzt. Denn das kann lebensgefährlich werden. Man konnte sich dann leicht im Zirkus ein paar hungrigen Löwen gegenüber wieder finden. Das geschah nicht oft, aber natürlich hatten alle diese Gefahr im Hinterkopf. Und natürlich gab es in den ersten christlichen Gemeinden genauso Streit und Auseinandersetzungen, Neid und Mißgunst wie bei uns heute. Und deshalb ist es nötig, dass der Verfasser des ersten Johannesbriefs die Gemeinde daran erinnert, dass sie jetzt zusammen stehen müssen, dass sie Vergebung erfahren haben, und dass einander zu vergeben jetzt notwendig ist. Dass der Glaube unvereinbar damit ist, seine Mitchristinnen und Mitchristen ans Messer zu liefern und sie sich damit von Gott trennen.
Aber der Verfasser des ersten Johannesbriefes argumentiert nicht mit dem äußeren Druck. Er argumentiert mit den Erfahrungen, die die Gemeindeglieder mit Gott gemacht haben. Erhält das für das stärkere Argument. Er sagt nicht: Ihr sollt einander lieben. Er sagt: Wir wollen einander lieben, denn die Liebe kommt von Gott. Er ermutigt die Gemeindeglieder den Wunsch in sich zu finden, die anderen lieben zu wollen.
Und ich glaube, so funktioniert moralisches Handeln auch für uns heute: Es geht nicht um Regeln und Gebote und was man tun soll und was man lassen soll. Es geht nicht um Angst vor Strafe oder ausgeschlossen werden. Es geht darum sich bewusst zu machen, was man Gutes empfangen hat und dann den Wunsch in sich zu finden, dies weiter zu geben. Das hat die damaligen christlichen Gemeinden stark gemacht. Und das wird auch uns heute stärken, wenn wir für uns die Frage beantworten können: Was habe ich von Gott Gutes empfangen? Unser Predigttext macht dazu ein paar Vorschläge: Gott hat uns geliebt, Gott hat uns mit sich versöhnt, Gott hat uns durch Jesus Christus das wahre Leben geschenkt. Gott bleibt mit uns verbunden. Wer liebt hat Gott zum Vater und kennt ihn. Solange das theologische Richtigkeiten sind, hilft uns das nicht weiter. Es geht darum, dass das lebendige Erfahrungen werden. Nur als lebendige Erfahrungen löst das in uns die Dankbarkeit aus, die dazu führt, dass wir die anderen lieben wollen und ihnen Gutes tun wollen.
Ich kann Ihnen als Predigerin diese Erfahrungen nicht vermitteln. Aber ich werden versuchen, Sie daran zu erinnern.
Wann haben Sie sich geliebt gefühlt? Wenn Gott die Liebe ist, dann haben Sie in dieser Liebe Gott erfahren. Wer war es und wann? Ihre Mutter ihr Vater, Geschwister, Großeltern? Ihre Ehepartner, Ihre Ehepartnerin, die beste Freundin, der beste Freund? Es gibt Liebe in der Welt und Sie hätten vermutlich nicht überlebt ohne dass irgendjemand Sie geliebt hat. Empfinden sie Dankbarkeit für die Liebe dieser Person oder dieser Personen?
Gott hat sich mit uns versöhnt: Wann haben Sie feststellen müssen: Das habe ich versiebt. Hier habe ich eine Schuld auf mich geladen, die ich nicht mehr los werde. Hier habe ich etwas getan, dass ich nicht wieder gut machen kann. Die Folgen sind da, und es tut mir furchtbar leid, aber ich kann es nicht mehr ändern. Auch das passiert meistens in der Familie gegenüber Eltern oder Kindern oder im Straßenverkehr oder gegenüber Menschen, die einem nahe stehen. Wie dankbar sind Sie dafür, dass Gott ihnen das vergeben hat, dass Gott Ihnen sagt: Sie sollen das nicht mehr mit sich herum schleppen sondern es hinter sich lassen und Sie werden trotzdem geliebt und Sie werden frei davon sein? Und Sie haben festgestellt: Es zerfrisst mich nicht mehr innerlich. Ich kann damit leben.
Gott hat uns durch Jesus Christus das wahre Leben geschenkt: Hmm schwierig. Was ist das wahre Leben? Vielleicht ist es das, was die Ethikerin Ina Prätorius „das gute Leben“ nennt. Ein Leben, das richtig geordnet ist. Ein Leben, das Sicherheit und Besitz wertschätzt, aber sich um Beziehungen dreht, wo Menschen im Mittelpunkt stehen. Ein Leben, dass wir als wertvoll und sinnvoll empfinden. Kennen Sie die Dankbarkeit, die daraus entspringt, wenn das Leben mal so läuft?
Trotzdem glaube ich nicht, dass das reicht, um das wahre Leben zu sein.
Das wahre Leben ist ein Leben, das in Verbindung mit Gott und in der Liebe zu Gott gelebt wird, und das insofern als Gott ewig ist, auch ewiges Leben ist. Jetzt fällt es mir schwer, Sie an eine Erfahrung zu erinnern, die das beinhaltet, dass Sie in Christus das wahre Leben geschenkt bekommen haben. Vielleicht erinnern Sie sich an einen Spaziergang, bei dem die Sonne durch die Bäume schien und die Welt in dieses Licht getaucht war, das ihr Herz höher schlagen lies. Oder Sie erinnern sich an ein Gebet, bei dem Sie plötzlich ganz leicht waren, weil eine Last von Ihren Schultern gefallen ist. Oder Sie haben ein kleines Kind beobachtet und ihr Herz war von unendlicher Liebe erfüllt. Das sind so Momente, wo der Himmel offen steht. Die vergehen auch wieder. Aber die Erinnerung kann über viele Jahre tragen. Und es bleibt eine Gewissheit zurück, dass da eine Verbindung zu etwas Größerem besteht als wir selbst es sind. Und dann wird es schwer, daran zu zweifeln, dass ewiges Leben unsere Bestimmung ist. Aus dieser Dankbarkeit heraus, wollen wir Gott und die Menschen lieben. Und das ist besser als alle moralischen Prinzipien oder Regeln.
und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!