Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
heute am Totensonntag denken wir an die Menschen, die uns geprägt haben, die uns nahe waren, die uns wichtig waren – und die von uns gegangen sind. Unsere Toten vertrauen wir dem ewigen Gott an. Und wir suchen Trost bei dem Gott allen Trostes. Wir suchen Sinn inmitten aller Vergänglichkeit bei dem Gott, der unser Sinn und unser Halt ist. In allem Traurigsein und Ungeborgensein suchen wir Geborgenheit bei dem Gott, von dem es in der Bibel heißt: nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist.
Heute am Totensonntag werden wir im Anschluss an die Predigt die Namen der Gemeindemitglieder, die seit vergangenem Totensonntag verstorben sind, verlesen und ihrer gedenken, indem wir eine Kerze hier am Altar für sie anzünden.
Heute wird es in der Predigt um die Stufen der Trauer gehen. Leider ist das keine einfache Treppe, die wir gehen. Wir kommen immer wieder auf frühere Stufen zurück. Aber die Stufenfolge ist ein Bild, das uns zeigt, wo wir hin wollen. Die Stufen, die ich Ihnen heute mitgeben will für Ihre Trauer finden sich einem Lied von Jochen Klepper. Jochen Klepper war evangelischer Theologe und Journalist. Sein Problem: er hatte eine jüdische Frau mit 2 Töchtern geheiratet. Und das gab erhebliche Probleme in der Nazizeit. 1942 wählte er mit Frau und jüngster Tochter den Freitod, kurz bevor die Tochter deportiert wurde, weil ihre Ausreise gescheitert war. Von Jochen Klepper finden sich 12 Lieder in unserem Gesangbuch. Wir singen 532 die erste Strophe nach einer bekannten Melodie.
Die erste Stufe der Trauer: Verlust. Das Herz muss sich lösen. Das Herz muss sich lösen von allem, was es an Glück und Gut umschließt.
Der Tod kommt überraschend und nimmt mir etwas weg. Etwas sehr wichtiges weg. Mein Glück ist zerstört. Mein Gut ist mir weggenommen.
Das ist ein Schock. Das macht starr und hilflos.
Hoffentlich finden wir dann schon Zugang zum Beten. Wir beten am Sterbebett zusammen bei einer Aussegnung. Wir beten auf dem Friedhof zusammen. Dann bei der Beerdigungsfürbitte am Sonntag darauf. Die Trauerpost hat oft Sätze, die uns weiterhelfen können. Die Musik bei der Trauerfeier kann etwas lösen von der Starre und dem Schock. Hoffentlich kommen wir irgendwann zu der Bitte: Komm, Heilger Geist, und tröste.
Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht. Dann, wenn es am dunkelsten ist, scheint uns ein Licht. Ein Licht, das nicht aus uns selbst kommt. Dann, wenn wir am hilflosesten sind, wird uns ein Wort gesagt, das etwas in uns zum Klingen bringt. Dann, wenn wir uns allein und verlassen fühlen, gibt es Begegnung, Berührung, Nähe. Und wenn es nur nachts das Gefühl ist: Gott ist da. Da kommt etwas ins Fließen. Aus Gottes Händen fließt der tröstende Heilige Geist in mein Herz, das so sehr danach bedürftig ist.
Wir singen Strophe 2.
Wir finden uns in das, was uns an Schwerem auferlegt ist. Das ist ein großes Ziel. Wir können es nur langsam erreichen. Und wir werden von dieser Stufe auch wieder zurückfallen in die erste. Aber wir erreichen es manchmal. Und heute singen wir es für die, die es noch nicht sagen und singen können. Damit das Ziel schon da ist.
Uns ist Schweres auferlegt. Und wir müssen das Beste daraus machen. Es bleibt uns ja nicht anderes übrige. Wir müssen irgendwie weitermachen. Weitergehen auf unserem Weg. Wir müssen unseren Umgang mit dem Schweren finden. Das ist eine Suchbewegung. Und das Suchen kann dauern. Und vielleicht finden wir erst einmal Umgangsweisen, die nicht gut sind. Ziemlich wahrscheinlich sogar. Dann muss das Suchen weitergehen. Ziel des Suchens: wir wollen uns in alles finden, was uns an Schwerem auferlegt ist. Also irgendwie einen inneren Frieden damit finden.
Es gibt Hilfe bei dieser Suche. Das Gebet im zweiten Teil der Strophe ist ein mögliches Gebet für uns. Komm, Heiland, der uns mild verbindet, die Wunden heilt, uns trägt und pflegt.
Der Tod hat uns verletzt. Krank gemacht. Erschüttert. Den Boden weggerissen. Wir können uns an den Heiland wenden. An den, der uns mild verbindet. Der die Wunden heilt. Der uns trägt, wenn wir nicht laufen können. Der uns pflegt, wenn wir uns krank und schwach und erschüttert fühlen.
Ich wünsche uns allen, dass wir zu diesem Gebet finden. Dazu singen wir es heute gemeinsam.
Wir singen Strophe 3.
Die dritte Stufe: unser Klagen wird zum Loben. Das überschreitet eigentlich das, was am Totensonntag dran ist. Und doch gehört diese Strophe zu dem Lied dringend dazu. Die Trauer ist nur eine begrenzte Zeit im Leben. Wir müssen durch sie hindurch. Das ist schwere seelische Arbeit. Aber das Ziel der Trauer ist, dass die Trauer endet. Das heißt nicht, dass unsere Angehörigen vergessen sind. Aber dass wir die Stufen gehen, die zur Trauer gehören.
Unser Herz wird gehalten. Solange wie nötig. Unser Herz wird erhoben zu Gott. Manchmal beginnt schon ein wenig von der Zeit nach der Trauer. Auch danach, nach der Trauer, bleibt Gott als Vater bei uns. Und in Gott bleiben wir verbunden, wir Lebenden und unsere Toten. Aber wir bleiben nicht dauerhaft im Klagen stecken. Das hätten unsere Lieben nicht gewollt. Unser Klagen wird verwandelt. In einem Lied heißt es: Du verwandelst meine Trauer in Freude, du verwandelst meine Ängste in Mut, du verwandelst meine Sorge in Zuversicht, guter Gott, du verwandelst mich (+106). In einem Gebet, das ich oft verwende auf dem Friedhof, heißt es: du veränderst und verwandelst uns Tag für Tag und gibst uns am Ende ein bleibende Gestalt bei dir.
Unser Lebensweg ist ein Glaubensweg mit Gott. Alle Herausforderungen müssen wir bewältigen. Wir müssen Glaube, Liebe und Hoffnung mit unserem Bild von uns selbst, von der Welt und worauf es letztlich ankommt, vermitteln. Unser Glaubensweg ist eine ständige Veränderung im Gespräch mit Gott, Grund und Ziel allen Lebens, auch meines Lebens. Und die Trauer ist eine Herausforderung, die wir bewältigen müssen. Alles, was uns belastet, muss verwandelt werden. Und am besten wird alles schwere verwandelt in Loben. Das gibt unserem Leben Sinn, Gehalt und Würze. Die Sorgen werfen wir auf Gott – und dann sind sie hoffentlich nicht mehr bei uns. Die Ängste lassen wir von dem Glauben, der Berge versetzen kann, ins Meer versenken. Das Klagen, das zu umfangreich und dauerhaft geworden ist und unser Leben behindert, statt uns weiterzuhelfen auf dem Weg, lassen wir verwandeln in Loben.
Wir müssen das nicht selbst machen. Da ist eine Kraft, die in uns wirkt. Tröstender Heiliger Geist, der aus Gottes Händen fließt. Der Heiland, der uns mild verbindet, die Wunden heilt, uns trägt und pflegt. Und der Vater, der bei uns bleibt und unser Klagen in Loben verwandelt. Irgendwann. Dann wenn wir so weit sind.
Heute singen wir das, damit das Ziel klar ist. Und auch die, das noch nicht mitsingen oder mitbeten können – nehmen Sie das Ziel wahr. Damit unsere nächsten Schritte in die richtige Richtung gehen.
Wir werden immer wieder auf frühere Stufen zurückfallen. Wir werden Umwege machen. Wir dabei scheitern, das Beste aus allem zu machen. Das ist nicht schlimm. Da ist Trost. Da ist Heilen. Da ist Verwandeln. Wir brauchen uns nur dafür zu öffnen. Und dann Geduld. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben. Amen.