Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.
Liebe Gemeinde,
Folgende Gebete oder Segen werden uns aus der Antike überliefert: Nach Rabbi Jehuda soll ein Mann täglich aufsagen: Gepriesen sei Gott, der mich nicht zu einem Heiden, einem Sklaven oder einer Frau gemacht hat. Und Diogenes Laertius zitiert einen griechischen Gelehrten mit den drei Segenssprüchen: dass ich als Mensch zur Welt kam und nicht als Tier, dass ich ein Mann ward und nicht ein Weib, dass ich ein Helene bin und nicht ein Barbar.
Paulus ein Jude mit klassischer griechischer Bildung kennt wahrscheinlich beides und antwortet darauf in seinem Brief an die Gemeinde in Galatien:
Galater 3,26-29:
Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.
Ein bisschen steiler ausgedrückt: Hört endlich auf mit dem Unsinn: Ich bin stolz ein Deutscher zu sein. Eh nein, ich bin stolz ein Jude zu sein, ein Grieche zu sein, ein Mann zu sein, … die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen.
Paulus versucht eine Gemeinde zu schaffen aus Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher sozialer Wertzuschreibungen. Und er sagt dabei erstaunliche Dinge nicht nur für seine Zeit sondern immer noch für die heutige Zeit. Hier im christlichen Glauben sind alle Menschen gleich wichtig, gleich viel wert und gleich bedeutend. In der Taufe seid Ihr alle eins vor Gott. Das ist ganz tief in die christliche DNA eingeschrieben. Und es wurde immer wieder in der Geschichte des Christentums vorgebracht, wenn sich die Kirchen zu sehr an die in ihren Gesellschaften geltenden anderen Werte angepasst haben. Diese Aussagen spielten eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Sklaverei und im Kampf um das Frauenwahlrecht und für die Gleichberechtigung von Frauen.
Zum Glück stellen sich die Konfis alle bei einem Aufstellspiel zu der Antwort: Für Gott sind alle Menschen gleich wichtig. Das ist heute offensichtlich völlig unumstritten und auch schon bei den 14jährigen angekommen. Also können wir das abhaken?
Nein, ich glaube nicht. Denn Paulus sagt noch mehr. Ihr seid alle Gottes Kinder, ihr habt in der Taufe Christus angezogen. Wenn ihr zu Christus gehört, dann seid ihr Erben der Verheißung und Nachkommen Abrahams. Hier geht es nicht nur darum, dass wir vor Gott alle gleich sind. Es geht um eine neue Identität. Wir bekommen durch die Taufe auf den dreieinigen Gott einen Wert und eine Würde, die uns niemand nehmen kann. Auch wir selbst nicht. Es ist eine Würde, die unabhängig davon ist, was wir tun und wer wir sein wollen. Gerade in der heutigen Zeit ist das eine unfassbare Entlastung. Ich kenne so viele Menschen, die verzweifelt danach suchen, wer sie wirklich sind und welche Bedeutung ihr Leben hat. Diese Verzweiflung können wir uns sparen. Denn Paulus hat die endgültige Antwort auf die Frage nach unserer Identität gegeben. Klar sind wir Männer und Frauen, Lehrer und Pflegekräfte oder haben eine Ausbildung in diesem oder jenem Beruf, wir sind Mütter oder Väter oder Tanten und Onkel, Brüder und Schwestern, Ehepartner, Witwen oder Witwer. Wir sind arbeiten viel oder brauchen mehr Zeit zum Ausruhen. Wir wohnen in größeren oder kleineren Wohnungen oder Häusern. Wir fahren Fahrrad, gehen zu Fuß oder benutzen ein großes oder kleines Auto. Aber am Ende sagen alle diese Unterschiede nichts darüber aus, wer wir wirklich tief in unserer Seele sind. Paulus sagt, was und wer wir wirklich sind und zwar früher, heute und in Ewigkeit. Wir sind nämlich Gottes geliebte Kinder. Nachkommen Abrahams und damit Erben der göttlichen Verheißung.
Egal was wir tun, egal wie unsere Vergangenheit aussieht. Die Frage nach unserer Zukunft ist geklärt. Seit unserer Taufe sind wir so mit Christus verbunden, dass uns nichts auch nicht unsere eigenen Fehler und Versäumnisse von Christus trennen können. Und wie Christus Gottes Sohn ist, sind wir nun auch Gottes Töchter und Söhne.
Ich habe das zwar schon oft in der Bibel gelesen, aber ich habe lange nicht verstanden, was das heißt und welche Folgen das für mein Leben hat. Bis es mir in einer üblen familiären Krise endlich klar geworden ist. Ich musste mich damit auseinandersetzen, dass ich an einer wichtigen Stelle als Mutter versagt habe. Und dass meine Töchter damit leben müssen und ich daran auch nichts mehr ändern kann. Und dann habe ich es gehört und endlich verstanden: Du bist Gottes geliebte Tochter. Und ich habe verstanden. Das ist nichts, was mit meiner Leistung zu tun hat. Es ist reine Gnade. Und weil ich das mit nichts, was ich tun könnte, verdient habe, kann ich auch nichts tun, um das wieder zu verlieren. Es ist die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit eröffnet einen gewaltigen Raum und eine riesige Freiheit. Ich muss mir keine Sorgen über die Frage machen, ob ich eine gute oder eine schlechte Mutter bin. Gott sieht mich mit einem wesentlich freundlicheren Blick an als ich mich selbst sehe. Gott versteht all das, was ich nicht verstehe. Es kommt nicht darauf an, wie ich mich selbst sehe. Und es kommt auch nicht darauf an, was andere von mir denken, und wie sie über mich urteilen.
Es gibt nur ein relevantes Urteil über mich, und das ist bereits gefällt, in dem Moment wo ich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes getauft bin. Ich bin frei die Vergangenheit hinter mir zu lassen. Und ich bin frei, mich in eine Zukunft hineinzuleben, in der sich zeigen wird, wer ich wirklich bin – nämlich Gottes geliebte Tochter. Und jetzt wird es erst richtig spannend. Was sind die Folgen dieser unverlierbaren neuen Identität, die sich immer mehr in meinen Leben zeigen wird, weil ich ja Christus angezogen habe. Die direkte Folge ist eine neue Sicherheit und weniger Angst, etwas falsch zu machen. Und jede Menge Entspannung. Ich muss nichts mehr beweisen weder mir selbst noch anderen. Und auch eine große Dankbarkeit für diese starke und sichere Zugehörigkeit zu Jesus Christus und Gott und dem heiligen Geist.
Jetzt können Sie sagen, die hat es ja gut, sie muss ja auch nichts mehr machen, sie ist pensioniert, hat genug Geld und tatsächlich alle Freiheit dieser Welt. Aber wie ist es mit mir, ich muss die Schule schaffen, einen guten Beruf bekommen und einen Platz im Leben finden. Ich habe nicht soviel Freiheit.
Ja, ich habe es tatsächlich gut. Und ich frage mich auf, was das damals für einen Sklaven bedeutet hat, der keineswegs die Freiheit hatte, hinzugehen, wo er wollte oder eine Familie zu gründen oder irgendetwas zu tun, was sein Herr ihm verboten hat. Was hat das für ihn bedeutet, sich als geliebtes Kind Gottes zu verstehen?
Nun, auch wenn er wenig Kontrolle über sein Leben hatte, so konnte er sich doch seine Zukunft in Freiheit und Herrlichkeit vorstellen. Und sein Herr hatte nicht mehr die Macht, ihm seine Würde zu nehmen. Auch für ihn wurde das Leben so elend es im einzelnen vielleicht war, besser. Und es ist ja immer beides ein Zusammenspiel aus äußeren Bedingungen und inneren Einstellungen. Und die inneren Einstellungen haben immer Einfluss darauf, wie das eigene Leben ist. Und wenn wir das Bewusstsein in uns einsinken lassen, dass wir geliebte Kinder Gottes sind, dann werden wir mit Hoffnung statt mit Verzweiflung leben. Und das ist nicht wenig. Ich wünsche uns allen, dass wir uns Gottes Liebe zu uns bewusst werden und in ihr die Sicherheit gewinnen, die Gott uns spüren lassen möchte.
und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!