Jahreslosung 25 am 31.12.24

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

Die Jahreslosung für nächstes Jahr lautet: Prüft alles und behaltet das Gute. 1. Thessalonischer 5,21. Paulus schreibt das in den Schlusswendungen seines ersten Briefes, der im Neuen Testament erhalten ist. Er steht vor der Frage, wieviel jüdische Tradition kann man Nichtjuden, die Christen geworden sind, zumuten. Und er antwortet auf diese Frage sehr diplomatisch. Prüft alles und behaltet das Gute.

Albrecht: Das heißt, es kommt nicht darauf an, ob es etwas alt oder neu ist, ob es eine ehrwürdige Tradition hat oder den Charme des Modernen. Es kommt darauf an, ob es gut ist.

Elke: Und das entscheidet nicht die Tradition oder der Zeitgeist. Darüber muss man nachdenken und dann zu einer Entscheidung kommen. Am Ende ist es eine Frage der Vernunft.

Albrecht: Diese Einstellung hat wesentlich mit dazu beigetragen, dass das Christentum ganz gut mit der Aufklärung konnte und sie auch sehr befördert hat. Vernunft war schon immer ein wichtiger Punkt im christlichen Glauben. Vernünftiges Nachdenken und wahrnehmen der Tradition waren die beiden Pole, die das Christentum durch die 2 Jahrtausende seiner Existenz gebracht haben.

Elke: So im Großen und Ganzen und prinzipiell hast du da Recht. Aber wie immer sitzt der Teufel im Detail. Was sollen wir behalten und was kann weg, ist im Einzelnen eine komplizierte Frage. Was ist denn das Gute, dass wir behalten sollen?

Albrecht: Naja, so schwierig ist das doch nicht. Wir wissen doch meistens was gut ist und was schlecht.

Elke: Dann testen wir das mal. Wir haben in unserer Wohnung über tausend Bücher. Die brauchen viel Platz und deshalb können wir sie nicht alle behalten. Ich habe mal 20 mitgebracht. Welche können weg und welche sollen wir behalten?

Bücher diskutieren.

Albrecht: Ok. Ich weiß, ich will immer alles behalten und die willst immer alles wegwerfen. Von mir aus kann auch immer alles so bleiben. Aber du denkst dir immer irgendwelche neuen Sachen aus. Ich bin halt traditionell und du innovativ. Und das ist doch auch beides wichtig.

Elke: Prinzipiell ja. Aber nimm mal an wir wären in der Kommission für das neue Gesangbuch. Welche Lieder aus dem Alten können weg?

Albrecht: Naja, die die  niemand je singt.

Elke: Das ist aber von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich.

Albrecht: Na gut, die eine zu schwere Melodie haben und einen zu hohen Tonumfang.

Elke: Und die frauenfeindliche oder gewalttätige Strophen haben?

Albrecht: Hm, das muss man sich im Einzelnen ansehen.

Elke: Genau, und dann muss man sich darüber unterhalten und gemeinsam überlegen. Das ist schon kompliziert.

Albrecht: Ja, und es ist zeitabhängig. Was vor 50 Jahren völlig normal und kulturell anerkannt war, wird heute zum Teil als rassistisch oder diskriminierend erkannt. Und ist deshalb nicht mehr gut.

Elke: Ja, und deshalb kann man manche Traditionen nicht mehr weiter benutzen. Sie haben ihre Zeit gehabt, sind aber heute nicht mehr tragbar.

Albrecht: Aber ich finde man darf den Menschen früherer Zeiten deshalb keine Vorwürfe machen. Sie haben halt früher gelebt und hatten ein anderes Bewusstsein als wir heute. Und dafür sollte man sie  nicht verurteilen.

Elke: Das stimmt. Man sollte ihre Auffassungen mit denen von ihren Zeitgenossen vergleichen und sie dann danach beurteilen, nicht nach unseren heutigen Vorstellungen.

Albrecht: Jetzt aber mal Butter bei die Fische. Was ist das Gute, das wir behalten sollten?

Elke: In der Kirche, meinst du?

Albrecht: Ja, in der Kirche und auch in der Gesellschaft.

Elke: Also ich finde die Kirche hier gut, also das Gebäude. Das sollten wir behalten und Gottesdienste und Beerdigungen, Trauungen und Taufen.

Albrecht: Du weißt schon, dass unsere Kirchenleitung und die Synode der Meinung ist, das Wichtigste an der Kirche ist die Diakonie, also kirchliche Krankenhäuser, Kindergärten, Sozialstationen, Beratungsstellen, Flüchtlingshilfe und so was.

Elke: Und wenn man dagegen etwas sagt, wird man sehr böse angesehen. Ich weiß. Trotzdem sollten wir alles prüfen. Ich finde nicht, dass die Kirche Aufgaben übernehmen sollte, die eigentlich staatliche Aufgaben sind.

Albrecht: Naja, so einfach ist das nicht. Die diakonischen Aufgaben wirken schon wesentlich in die Gesellschaft hinein. Das abzubauen ist auch schwierig.

Elke: Ok. Vielleicht können wir uns ja darüber einigen, was wir gesellschaftlich gut finden, und das erhalten werden soll oder ganz und gar ausgebaut gehört.

Albrecht: Hey  wir haben Bundestagswahlkampf. Alles, was ich dazu sagen könnte, kann als Aufforderung verstanden werden, eine bestimmte Partei zu wählen.

Elke: Stimmt auch wieder. Wir sollten uns heute parteipolitisch neutral verhalten auch wenn wir da eine persönliche Meinung haben. Viel weiter gekommen sind wir mit unseren Prüfaufträgen ja nicht. Bis jetzt haben wir eigentlich nur Probleme festgestellt.

Albrecht: Ja, das stimmt.

Elke: Doch ich habe eine Idee, auf was wir uns vielleicht verständigen könnten.

Albrecht: Erzähl..

Elke: Bei den Gesangbuchliedern, den Aufgaben der Kirche und auch bei der Frage, welche Bücher wir wegwerfen sollen war eines unbestritten.

Albrecht: Ja, stimmt. Wir müssen darüber reden. Nachdenken, argumentieren und uns dann einigen. Meinst du das?

Elke: Genau, das gehört zum Prüfen dazu.

Albrecht: Also, was wir auf jeden Fall brauchen, ist Demokratie, ein Prozess, wo sich alle einbringen können, und wo ihre Argumente gehört werden. Das Prüfen müssen wir gemeinsam machen. Und auch gemeinsam entscheiden, was im Einzelnen das Gute ist, was wir behalten wollen.

Elke: Und dazu gehört, wie sich etwas auswirken wird, und welche Menschen das betrifft. Und da sollten christliche Werte wie Nächstenliebe und Einsatz für die Armen eine Rolle spielen.

Albrecht: Und genau darüber müssen wir reden. Welche Entscheidung nutzt wem und was ist gut für alle und nicht nur für die, die mächtiger sind als die anderen. Da können verschiedene Leute immer noch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Elke: Aber es ist wichtig, dass darüber geredet wird und vernünftig argumentiert wird und nicht herumkrakelt wird.

Albrecht: Prüft alles und behaltet das Gute. Das ist unser Auftrag als Kirche und unser Auftrag als Menschen. Hier sind Vernunft und Nachdenken gefragt.

Elke: Und der Glaube, dass das Gute gewinnen kann und Menschen die Möglichkeit haben Argumente gegeneinander abzuwägen und sich für das Gute zu entscheiden.

Albrecht: Davon müssen wir ausgehen. Wenn Gott uns schon zutraut, dass wir richtige Entscheidungen für unser Leben und für unseren Glauben treffen können, dann müssen wir das erst recht allen anderen zutrauen und uns dafür einsetzen, dass alle die Möglichkeit wahrnehmen können.

Elke: Wir als Evangelische Kirche heute stehen für Demokratie und Nächstenliebe.

Albrecht: Gehen wir in das neue Jahr und überlegen uns, was das im Einzelnen bedeutet.

Elke: und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!