Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Liebe Gemeinde, heute haben wir es mit den Auswirkungen von Pfingsten zu tun. Die Freunde und Anhänger von Jesus waren nach seinem Tod ängstlich und zurückgezogen. Dann kamen die Geschichten von dem Auferstandenen und die Begegnungen mit ihm. Und dann, nach 7 Wochen, waren sie bereit dafür den Heiligen Geist zu empfangen. Und die Wirkung: sie wurden eine Gemeinde mit großer Strahlkraft nach außen. Gleich am ersten Tag kamen 3000 Menschen dazu. Und sie lebten eine neue Gemeinschaft, eine neue Welt, ein anderes Miteinander. Was dazu gehört, das schildert unser Predigtext aus Apostelgeschichte 4 in den Versen 32 bis 27.
In der Gemeinde wird der Besitz geteilt
32Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele.
Keiner betrachtete etwas von seinem Besitz
als sein persönliches Eigentum.
Vielmehr gehörte alles, was sie hatten,
ihnen allen gemeinsam.
33Mit großer Kraft traten die Apostel als Zeugen dafür auf,
dass Jesus, der Herr, auferstanden war.
Gottes Gnade war unter ihnen in reichem Maß spürbar.
34Keiner von ihnen musste Not leiden.
Wer Grundstücke oder Häuser besaß,
verkaufte diese und stellte den Erlös zur Verfügung.
35Er legte das Geld den Aposteln zu Füßen.
Davon erhielt jeder Bedürftige so viel,
wie er brauchte.
36So machte es auch Josef,
ein Levit, der aus Zypern stammte.
Die Apostel nannten ihn Barnabas,
das bedeutet: der Tröster.
37Josef verkaufte einen Acker, der ihm gehörte.
Den Erlös stellte er der Gemeinde zur Verfügung
und legte ihn den Aposteln zu Füßen.
Wie stellen wir uns eine ideale Kirchengemeinde vor? Ich glaube, wenn wir hören würden, in der neuen großen Kirchengemeinde Dieburger Land soll ich meinen ganzen Besitz einbringen, aber man wird versorgt bis zum Lebensende, das wäre uns doch etwas unheimlich. So sektenhaft. So eng. Und dann hat man es ja nicht unter Kontrolle. Wird wirklich gut für einen gesorgt werden oder wird man zu sehr an den Rand gedrängt oder gar vergessen?
Das Bild der idealen Gemeinschaft ist nicht so ganz einfach. Aber wichtig finde ich: Keiner von ihnen musste Not leiden. Das finde ich, ist ein Ziel, das können wir unterschreiben. Und ich finde, davon passiert schon sehr viel. Wir kümmern uns tatsächlich umeinander. Es gibt bei uns eine Grundsicherung, die zumindest das Überleben sichert. Und das ist eine Folge des christlichen Glaubens. Das ist in anderen Kulturen und Ländern nicht selbstverständlich.
Der christliche Glaube ist schwach geworden in diesem Land. Aber er ist zum Glück noch da. Ich glaube, dafür können wir die meisten gewinnen: Keiner von ihnen musste Not leiden. Das ist der Spitzensatz. Das ist das Ziel des christlichen Glaubens.
Damals wurde das durch die Gütergemeinschaft erreicht. Man dachte: es dauert nur wenige Monate, höchstens ein paar Jahre, dann kommt Jesus als Weltenherrscher wieder und alles ist eh ganz anders. Deshalb war die Bereitschaft, die alten Sicherheiten aufzugeben, so groß. Man lebte ja mitten in einem ständigen Wunder. Kranke wurden geheilt. Die Apostel sind aus dem Gefängnis einfach raus, als wenn es keine Mauern mehr gäbe.
Aber auch damals schon hat die ideale Gemeinschaft geknirscht. Direkt nach unserem Predigttext behält ein Paar einen Teil vom verkauften Acker für sich und tut so, als würden sie alles spenden. Folge: der Tod. Ich erinnere mich, dass ich diese Geschichte als Kind sehr eindrücklich fand.
Wir als Kirche haben versucht, diese drohenden Züge, die es auch im Glauben gibt, nicht so stark zu gewichten. Ich stelle fest: wir Menschen brauchen das. Das, was wir in der Kirche vernachlässigen oder an den Rand schieben, kommt unausgegoren und falsch in merkwürdigen Bereichen wieder hoch. All die Wutbürger und das unsägliche Benehmen im Internet und in der Wirklichkeit schreit nach einem Gott, der die Grenzen schärft, das Böse wirksam zurückdrängt, endlich mit großer Macht den Frieden durchsetzt.
Auch wir heute hoffen auf den kommenden Gott, der sein Friedensreich durchsetzt und es den anderen, den Bösen, zeigt.
Wir merken: so funktioniert es nicht. So kommt das Reich Gottes nicht zu uns. Wir müssen das Böse bei uns selbst sehen und um Vergebung bitten. Wir müssen in uns sehen, wie sehr wir auf Sicherheit bedacht sind und deshalb unsere Schäfchen ins Trockene bringen wollen, in Abgrenzung von den anderen. Und in dieser Angst und in dieser Gier liegt das Problem. Wir brauchen Gottes Wirken in unserer Seele. Dann kann das Reich Gottes bei uns und in uns stark werden. Und dann kann es wahr werden: Keiner von ihnen musste Not leiden. Dann sehen wir hoffentlich auch die Not, die nicht so leicht sichtbar ist. Wir lernen hinzuhören und hinzusehen. Wir lernen mitzufühlen und von ganzem Herzen zu beten für andere Menschen und ihre Situation.
Wir sind als neue große Kirchengemeinde auf dem Weg zu einem neuen Wir. Das knirscht notgedrungen. Wir haben das im Blick, was bei uns vor Ort ist. Auch hier brauchen wir eine Entkrampfung und eine Vertrauensbildung. Unser Ziel: keiner von ihnen musste Not leiden.
Ich hoffe sehr, dass von dem, was in unserer evangelischen Kirche geschieht, etwas ausgeht für diese Gesellschaft. Die christlichen Grundlagen sind noch da. Wie schwach sie werden – das liegt auch an uns. Wir können dafür eintreten, dass diese christliche Grundlage stark bleibt unter uns. Das Ziel: Keiner von ihnen musste Not leiden. Und das geht nur, wenn verkrampfter Egoismus, ängstliche Kontrolle, Misstrauen überwunden werden. Jeder Gottesdienst trägt dazu bei.
Meine Frau und ich waren letzten Sonntag bei einem Konfirmationsgottesdienst in der Stadtkirche Friedberg. Eine schöne große alte Kirche war voll. Es war ein schöner Gottesdienst mit guter Musik. Aber es war auch viel Unruhe und erstaunlich wenig Menschen haben mitgesungen. Es gab Applaus für die Kirchenvorsteherin und den Konfiteamer für ihre Grußworte. Bei der Feier hinterher haben wir erfahren, dass die Gemeinde, die gerade frisch zusammengeschlossen ist zu einer großen Gemeinde, da noch ganz schön dran zu knabbern hat. Sie sind in der gleichen Lage wie wir hier bei uns. Sie gehören ja auch zu unserer Landeskirche.
Was mir zu denken gegeben hat, war das mangelnde ernsthafte Mitmachen beim Gottesdienst. Natürlich ist das alles aufregend. Aber jeder einzelne von uns kann da ab oder zu tun. In vielen verschiedenen Situationen können wir für den christlichen Glauben eintreten. Wir brauchen ihn. Dringend. Wir brauchen jeden, der dazu beitragen will: Keiner von ihnen musste Not leiden.
Und dazu müssen wir uns innerlich verändern lassen. In uns Ostern und Pfingsten wahr werden lassen. Der Tod ist schon überwunden. Gottes Kraft ist in uns und macht uns zu einer Gemeinschaft, die den Weg zur Zukunft mit dem freundlichen Gott geht. Der stark genug ist, für seine Menschen zu sorgen und das Böse abzuwehren.
Und der Friede Gottes…