Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
wir feiern Kerb. Wir begehen, dass unser Ort Messel eine Kirche hat, ja inzwischen mit der Sankt-Antonius-Kapelle sogar drei. Die heute evangelische Kirche stand schon im Jahr 1000 etwas schmaler und niedriger als heute und war dem Bartholomäus geweiht. Deshalb feiern wir Kerb immer am Sonntag nach dem 24. August. Dieser Tag steht sogar in meinem evangelischen Pfarramtskalender, denn es gibt auch in der evangelischen Kirche noch ein wenig davon, die Vorfahren, die für den christlichen Glauben eingetreten sind, besonders zu achten und zu ehren. Auch evangelisch wissen wir, dass wir als Christinnen und Christen heilig sein sollen, am heiligen Gott ausgerichtet.
Damit all das, was mit Gott zusammenhängt, der Himmel, der Segen, das Heilige, die geheimnisvolle Grundlage unseres Lebens nicht zu sehr an den Rand gedrängt werden, dazu brauchen wir Kirche. Das heißt mindestens ein Gebäude und Menschen, die den christlichen Glauben leben und bezeugen, hier bei uns, nah am Alltag, mitten im normalen Leben.
Noch haben wir die drei Kirchengebäude und katholisch das Pfarrheim und evangelisch das Gemeindehaus. Wir Evangelischen haben auch noch das Büro vor Ort. In beiden Kirchen steht eine Gebietsreform an. Das heißt, vor Ort wird die kirchliche Präsenz ausgedünnt. Das kann z.B. bedeuten, dass in unseren Kirchen seltener Gottesdienst stattfindet, weil Pfarrerinnen und Pfarrer Mangelware werden. Um so mehr brauchen wir Menschen, die für den christlichen Glauben eintreten. Und z.B. Andachten in den Kirchen machen oder dafür sorgen, dass man in der Kirche zur Ruhe kommt, beten kann, Anschluss an den Himmel findet.
Unsere Kirchtürme zeigen nach oben. Die Kirchen dienen dazu, dass wir nach oben ausgerichtet sind.
Normalerweise ist unsere Blickrichtung nach vorne. Es ist schon viel gewonnen, wenn wir einander im Ort begegnen, einander grüßen, ein paar Worte wechseln. Das ist schon besser als nur zu Hause zu sein vor verschiedenen Bildschirmen. Die Kirchtürme sagen uns: es gibt noch eine Blickrichtung. Schau zum Himmel. Und das heißt nach innen gerichtet: Du, Mensch, bist auf ein Gespräch mit deinem Schöpfer, Versöhner und Erlöser hin ausgerichtet. Nutze das. Damit du zu Segen und Fülle und Gelingen kommst. Zu wirklicher Erfüllung, die dir all die Bildschirme nicht geben können.
Unsere Kirchtürme haben Glocken. Sogar die Sankt Antonius Kapelle hat eine Glocke, die man mit einem Glockenseil läuten kann. Die Glocken erinnern uns an das Beten. Auch wenn wir gerade im Wald mit dem Hund unterwegs sind und die Glocke halb drei schlägt, erinnert uns das ans Beten. Vielleicht nehmen wir es gar nicht bewusst war, aber es ist wie eine Klangschalenmeditation mitten im Alltag.
Die Glocken läuten am Ende unseres Lebens. Auch das steckt in den Glocken, die wir hören. In dem bekannten Lied Stern auf den ich schaue heißt es in der letzten Strophe: Drum so will ich wallen meinen Pfad dahin bis die Glocken schallen und daheim ich bin. Die Glocken erinnern uns daran, dass wir in unsere Vergänglichkeit umfangen und gehalten sind von der Ewigkeit Gottes. Unsere Kirchengebäude wirken also gut in den Ort Messel hinein. Sie sind steingewordene Gebete. Steingewordene Opferbereitschaft. Unsere Vorfahren haben sie errichtet. Und wir heute wollen diesem Vermächtnis gerecht werden, indem wir die Sache des christlichen Glaubens stärken. Dazu feiern wir ökumenischen Kerbgottesdienst. Vielen Dank allen, die mitfeiern. Sie tun damit etwas dafür, dass auch künftige Generationen Zugang zu Glaube, Liebe und Hoffnung haben und zu dem reichen Schatz der christlichen Tradition.
Dass wir den Gottesdienst wie viele im Jahreskreislauf ökumenisch feiern, zeigt: wir Christinnen und Christen sind viel toleranter als all die Menschen, die sich für fortschrittlicher oder zeitgemäßer halten als traditionell kirchliche Menschen. Die wahren Intoleranten heute sind die, die mit religiöser Inbrunst gegen religiöse Menschen sind. Meine Tochter, die Professorin für Künstliche Intelligenz ist, hat da in ihrem Bekanntenkreis ein paar davon. Wir als ökumenische Christinnen und Christen können stolz auf unsere Toleranz sein. Und wir können Toleranz einfordern von den Menschen mit antikirchlichen Haltungen, die oft sehr ungerecht sind. Wir können uns zugleich bedanken für die Kirchenkritik, denn sie hilft uns, uns zu verbessern.
Wie schwach ist das Christentum in Deutschland und wie weit wird die Schrumpfung noch gehen?
Wir wissen es nicht. Aber was ich weiß ist: Gottesdienste funktionieren. Sie können den Himmel zur Erde bringen und uns Segen mitgeben für unseren Weg. Im Urlaub in Saarbrücken hatte ich kein Klavier und habe mit deshalb sehr auf die Gottesdienste und den Gesang gefreut. Immer wieder beobachte ich, dass der Gesang, die Musik insgesamt, die Atmosphäre des Kirchenraums insgesamt Menschen anspricht. Unsere Kirchengebäude mit den Orgeln sind etwas tolles. Wir können stolz darauf sein. Und was zur Atmosphäre eines Kirchenraums dringend dazu gehört und das ganze lebendig macht, ist eine Gemeinde als ein Loyalitätsgeflecht. Viele machen etwas ehrenamtlich. Andere nehmen aus mehr Abstand an dem kirchlichen Leben teil. Alle zusammen sind eine Gemeinde.
Und wir als Ort Messel feiern zusammen Kerb. Wir feiern, dass es die Kirchen gibt, die uns öffnen für die himmlische Dimension und für den Segen, der für alle im Zusammenleben wirksam wird.
Die Kerb als Fest erfordert ziemlich viel Einsatz von vielen Menschen. Euch als Kerbborsch und Kerbmädche ein großer Dank dafür, dass ihr auch am Sonntagmorgen auftaucht. Wir wissen das zu würdigen.
Wir als Kirchengemeinden wollen zu der Gemeinsamkeit des Ortes beitragen. Gemeinsam mit Menschen, die weder evangelisch noch katholisch sind und mit unterschiedlichen Haltungen zu ihrer religiösen Herkunft. Unsere Kirchengebäude und unser ganzes Tun soll dazu beitragen, dass diese Dimension des nach oben Schauens im Ort eine Rolle spielt und zu Segen führt. Segen für alle.
Wir beten dafür, dass der Ort vor Unglück bewahrt wird. Und wir wollen dazu beitragen, dass hier bei uns in Messel ein gutes Miteinander herrscht.
Möge die Kerb weiterhin gelingen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben. Amen.