Kipppunkte 24.3.24 Albrecht Burkholz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes  sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, heute ist Palmsonntag. Heute beginnt die Karwoche mit Gründonnerstag, dem letzten  Abendmahl, und Karfreitag, dem Todestag Jesu. Wir vergegenwärtigen uns das, was damals geschehen ist. Mit Passionsspielen. Mit entsprechenden Fernsehsendungen. Wir Christinnen und Christen gehören zu Jesus Christus. Deshalb hat dieses Geschehen mit uns zu tun. Wir sehen auf das Leiden von Jesus Christus. Und dabei wird unser eigenes Leiden vor Gott gestellt. Wir werden dabei verändert. Das, was bei uns schief läuft, bekommt einen Rahmen. Es hat mit dem Niedergang zum Ende zu tun, der bei Jesus stattfindet. Und dann eben auch mit der Erhöhung zu neuem Leben und neuer Anerkennung an Ostern. Niedergang und Erhöhung, das drückt unser Predigttext aus. Ich lese den Christushymnus aus Philipper 2. Dieses Lied muss schon ganz früh entstanden. Paulus zitiert es hier 20 Jahre nach dem Tod Jesu.

5Denkt im Umgang miteinander immer daran,

was in der Gemeinschaft mit Christus Jesus gilt:

6Er war von göttlicher Gestalt.

Aber er hielt nicht daran fest,

Gott gleich zu sein –

so wie ein Dieb an seiner Beute.

7Er legte die göttliche Gestalt ab

und nahm die eines Knechtes an.

Er wurde in allem den Menschen gleich.

In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.

8Er erniedrigte sich selbst

und war gehorsam bis in den Tod –

ja, bis in den Tod am Kreuz.

9Deshalb hat Gott ihn hoch erhöht:

Er hat ihm den Namen verliehen,

der hoch über allen Namen steht.

10Denn vor dem Namen von Jesus

soll sich jedes Knie beugen –

im Himmel, auf der Erde und unter der Erde.

11Und jede Zunge soll bekennen:

»Jesus Christus ist der Herr!«

Das geschieht zur Ehre Gottes, des Vaters.

Jesus Christus ist vor aller Zeit bei Gott. Und dann geht er in den Niedergang, freiwillig. Er wird Mensch. Er gibt seine göttliche Gestalt auf. Er wird am Kreuz getötet. Das ist eine Todesart voller Schande. Und dann wird er erhöht. Alle erkennen an, wer er ist. Alle knien vor ihm. Alle sagen: Ja, Jesus ist der von Gott beauftragte Retter der Welt. 

In dieser Demut soll Jesus Christus uns Vorbild sein. Christinnen und Christen sollen untereinander so sein, dass die Statuskämpfe nicht die christliche Gemeinschaft in Frage stellen. Wenn Jesus nicht an dem festgehalten hat, was er hatte, dann müssen auch wir nicht krampfhaft das  eigene sichern. Wir können aus dem Kämpfen innerlich aussteigen. Wir gehören ja zum Sieger. Wir sind mit dem Sieger Jesus Christus verbunden. Das müssen wir gar nicht mehr im einzelnen beweisen. Wir können mit Niederlagen umgehen. Der Sieg Jesu ist um uns herum wie eine Rüstung, wie ein Schutzschild, wie ein anerkennender Handschlag.

Das ist das eine, was wir aus dem Predigttext mitnehmen können. Aussteigen aus den bitteren Statuskämpfen gibt uns eine innere Stärke. Ein Darüberstehen. Wir müssen nicht verkrampft und kurzatmig und beleidigt uns in kleinen Kämpfen verlieren. Wir wissen: in der Nachspielzeit werden wir gewinnen. Wir können jetzt ruhig bleiben. Zugang zu unserer inneren Stärke finden. Durchatmen. Wir gehören zum Sieger. Wir gehören zu Jesus Christus. Demut ist missverständlich als Wort dafür. Es ist eine gelassene Zuversicht, die das KleinKlein nicht nötig hat. Demütig insofern, als wir uns die kleinen Kämpfchen nicht aufnötigen lassen müssen. Wir suchen uns selbst aus, wann wir wie kämpfen. Und verlieren nie die innere Ruhe dabei. Dabei müssen wir viel atmen und beten. Am besten beides auf einmal. Jesus beim Einatmen. Christus beim Ausatmen. So spüren wir, dass wir zu Jesus Christus gehören. Der in die Tiefe ging und erhöht wurde. Damit die Rettung der Welt möglich wird.

Also: wir lernen gelassene, demütige Zuversicht. Das ist das erste, was wir mitnehmen.

Das zweite, was ich uns mitgeben möchte an diesem Palmsonntag. Unser Leiden hat einen religiösen Rahmen und ist bedeutungsvoll und hilft uns, uns in das Leiden Jesu zu versenken. Dabei können wir von uns selbst absehen. Wir sind mit Jesus verbunden. Mit ihm geht etwas von uns in den Tod. Mit ihm wird etwas von uns auferstehen. Wir werden verwandelt. Wir schauen von uns weg. Wir schauen auf Jesus. Und Jesus schaut uns an. Unser Erlöser schaut uns an. Jesus Christus sieht unser Leiden. Jesus Christus sieht, was uns gerade zu schaffen macht. Jesus Christus sieht, womit wir gerade zu kämpfen haben. Jesus Christus sieht, womit wir gerade nicht gut zurecht kommen. Jesus Christus sieht, worüber wir uns Sorgen machen. Jesus Christus sieht, was uns belastet. Und Jesus Christus, der verleugnet und verraten wurde, verspottet und geschlagen, gekreuzigt und im Stich gelassen – Jesus Christus versteht uns. Jesus Christus war in der tiefsten Tiefe. Und er ist unser Seelenfreund. Unser Leiden hat einen Adressaten, der uns versteht. Wir sagen tief im Herzen Jesus, was los ist. Und dann kommt die Verwandlungskraft der Erlösung. In dieser Karwoche begehen wir es besonders. Tod am Karfreitag. Auferstehung an Ostern. Der Niedergang geht bis zum bitteren Ende, bis zur tiefsten Tiefe. Dann kommt ein Kipppunkt. Ab dann geht es aufwärts. Hin zum Licht und zum Leben.

Ich habe gerade mit einem Pfarrerkollegen gesprochen. Der hat die Sorge, dass wir gerade bei einem Kipppunkt sind beim Niedergang der Kirche. Beim Klima befürchten wir Kipppunkte. Ab dann geht es beschleunigt abwärts.

In der Karwoche erleben wir beides mit. Kipppunkt zum Schlechterwerden. Und dann an Ostern der Kipppunkt in die andere Richtung.

Wir Christen begehen das Geschehen von damals, damit die Erlösungskraft und Verwandlungskraft und Auferstehungskraft  uns kommt. Hinein in das, was  uns belastet.

Vielleicht muss es erst noch einmal schlechter werden, bevor es besser wird. Aber wir wissen und glauben: wir sind schon durch die Taufe mit Jesus Christus, dem Sieger, verbunden. Das heißt leider nicht, dass wir Niedergang und Leiden vermeiden können. Aber das heißt, dass wir mitten im Leiden wissen, wohin das Ganze führt, welchen Sinn das Ganze hat und wie es ausgehen wird. Alle werden Jesus Christus anerkennen als den Retter. Gott wird alles in allem sein, sagt Paulus an anderer Stelle.

Also auch im Niedergang und im Leiden ist da schon etwas, was darüber hinaus führt. Es ist da in uns, weil Jesus Christus, unser Seelenfreund und Erlöser, da ist. Nur ein Gebet weit von uns entfernt. Wir fühlen das nicht immer. Wir sehen das nicht immer. Aber das ist die geheime Wirklichkeit des christlichen Lebens.

In einem Sterbelied heißt es: Du  kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.

Der Niedergang, der uns alle erwartet, der Tod, hat einen Kipppunkt. Da ist Gottes Hand. Dorthin fallen wir. Und damit ist Heil verbunden.

Ich wünsche uns einen Palmsonntag und eine Karwoche, die unser Vertrauen stärkt. Was da zwischen Himmel und Erde geschehen ist, das Kommen des Erlösers, das hat Bedeutung für uns. Ewigkeitsbedeutung. Und wir, mit all dem, was  uns belastet, ärgert, sorgt, schmerzt, wir gehören in diesen großen Rahmen. In die Geschichte der Erlösung. Und die Geschichte der Erlösung wird weitergehen, selbst wenn die Geschichte der evangelischen Kirche in einer bestimmten Gestalt nicht mehr einfach so weitergeht.

Ich wünsche uns gelassene und demütige Zuversicht und das grundlegende Vertrauen, dass mitten in all unserem Niedergang die Auferstehungskraft und Hoffnungskraft schon wirken kann. Wie ein Samen von dem, was kommen wird. Wie ein heiliger Rest der Glaubenden und Hoffenden und Liebenden, in dem schon Erlösung gelebt werden kann mitten in einer unerlösten Welt, die nicht weiß, was zu ihrer Rettung dient.

Und der Friede Gottes….