Kraft

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

strotzen Sie am Morgen beim Aufstehen nur so von Kraft? Oder geht es Ihnen wie mir, dass ich nur mühsam aus dem Bett komme und mich matt fühle?

Wie ist das mit der Kraft im Alltag? Ich denke wenn man älter wird, gibt es da wahrscheinlicher Probleme, die ihr Konfis eher selten haben werdet. Jedenfalls sagt unser Predigttext aus dem Buch des Profeten Jesaja dazu Überraschendes. Ich lese

Jesaja 40,26-31

26Richtet eure Augen nach oben und seht,

wer das alles geschaffen hat!

Seht ihr dort das Heer der Sterne?

Er lässt sie aufmarschieren in voller Zahl.

Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei.

Aus der Menge, vielfältig und stark,

darf kein einziger fehlen.

27Wie kannst du da sagen, Jakob,

wie kannst du behaupten, Israel:

»Mein Weg ist dem Herrn verborgen!

Mein Gott bemerkt nicht, dass ich Unrecht leide!«

28Hast du’s noch nicht begriffen?

Hast du es nicht gehört?

Der Herr ist Gott der ganzen Welt.

Er hat die Erde geschaffen

bis hin zu ihrem äußersten Rand.

Er wird nicht müde und nicht matt.

Keiner kann seine Gedanken erfassen.

29Er gibt dem Müden neue Kraft

und macht den Schwachen wieder stark.

30Junge Männer werden müde und matt,

starke Krieger straucheln und fallen.

31Aber alle, die auf den Herrn hoffen,

bekommen neue Kraft.

Sie fliegen dahin wie Adler.

Sie rennen und werden nicht matt,

sie laufen und werden nicht müde.

Stimmt das wirklich? Ich hoffe auf Gott. Aber ich fühle mich nicht wie ein Adler, der dahinfliegt. Ich fühle mich öfter mal müde und schlafe auch mal nachmittags. Sollte ich also diesen Text nicht allzu wörtlich nehmen? Hmm. Unsere älteste Tochter hat sich das als Konfirmationsspruch ausgesucht: 31Aber alle, die auf den Herrn hoffen,

bekommen neue Kraft.

Sie fliegen dahin wie Adler.

Sie rennen und werden nicht matt,

sie laufen und werden nicht müde.

Ich glaube nicht, dass sie deshalb damit gerechnet hat, einen Marathon ohne vorheriges Training laufen zu können. Aber was sagt uns der Text dann? Also ja im Glauben geht es eher um einen Marathon als um eine Kurzstrecke. Der Glaube ist etwas für das ganze Leben mit seinen verschiedenen Zeiten und Phasen. Und hier beschreibt der Prophet Jesaja nicht nur die Flugphasen des Adlers. In diesem Text geht er auf die Zweifel ein, die einen schon mal ergreifen können, wenn der Alltag zu schwierig wird und das Leid zu groß: 27Wie kannst du da sagen, Jakob,

wie kannst du behaupten, Israel:

»Mein Weg ist dem Herrn verborgen!

Mein Gott bemerkt nicht, dass ich Unrecht leide!«

Ja, manchmal fühlt sich das Leben so an als hätte Gott mich vergessen. Als müsste ich mich ohne Hilfe durch die müden Zeiten schlagen. Manchmal ist alles zu viel und die Angst überwältigend. Und dann sind da noch die anderen, die das einfach nicht verstehen und mich noch weiter runter ziehen. Offensichtlich kennt der Prophet solche Zeiten. Und trotzdem gibt er nicht auf seine Hoffnung auf Gott zu setzen. Er argumentiert für Gott und gegen seine eigenen Gefühle der Verlassenseins und des ungerecht behandelt werdens.

Gott hat die Welt geschaffen. Gott ist so mächtig und stark. Gott muss doch wissen, dass es mir schlecht geht. Gott muss doch einfach mitbekommen, dass ich jetzt dringend seine Hilfe brauche.

Ach was weiß ich? Gott ist soviel größer als ich mir es vorstellen kann. Er hat bestimmt mitbekommen, dass ich in einer schwierigen Lage bin. Und warum kümmert er sich nicht darum?

Das weiß ich nicht. Gott ist soviel größer als ich es mir vorstellen kann. Ich als kleiner Menschen kann seine Gedanken nicht verstehen. Was bleibt mir schon anderes übrig als abzuwarten, ob Gott nicht doch etwas unternimmt um mir zu helfen.

Und dann schlägt die Situation um. Etwas ist passiert im Inneren des Propheten oder in der äußeren Situation. Wir wissen es nicht. Aber der Prophet macht eine beglückende Erfahrung. Gott gibt den Müden neue Kraft und macht den Schwachen wieder stark. Der Prophet ist aus seiner Verzweiflung und Schwäche wieder aufgetaucht. Und er interpretiert das als Hilfe von Gott. Es ist eine so überzeugende Erfahrung, dass er sie in überschwänglichen Bildern schildert. Die auf den Herrn hoffen, bekommen neue Kraft. Sie fliegen dahin wie ein Adler.

Das ist ja schön für den Propheten, können Sie jetzt sagen. Aber was ist mit mir? Ich habe immer noch Angst, ich fühle mich immer noch verzweifelt, ich habe immer noch Mühe überhaupt aus dem Bett zu kommen. Und die Schmerzen werden schlimmer statt besser. Und ich hoffe doch auch auf Gott. Aber von über allem Schweben wie der Adler bin ich doch meilenweit entfernt.

Warum hilft Gott mir nicht, wie er Jesaja geholfen hat?

Es muss ja gar nicht Fliegen wie ein Adler sein. Mir würde es ja schon reichen, wenn die Schmerzen etwas weniger würden. Ich wäre schon zufrieden, wenn mir ein paar ruhige Stunden mit Freunden beschert wären, wo ich mal meine Probleme vergessen kann. Und wo wir zusammen lachen können. Und wenn ich ein bisschen hoffnungsvoller in die Zukunft blicken könnte.

Wo bleibt die Hilfe Gottes in unseren alltäglichen Mühen?

Das ist eine berechtigte Frage. Und wenn ich dann diesen wirklich schönen Bibeltext lese, dann wird diese Frage eigentlich nur drängender. Wenn du Gott doch die Schwierigkeiten unter denen ich leide kennst, wo bleibt denn dann deine Hilfe? Warum enttäuschst du meine Hoffnung auf dich? Und da hilft es auch nicht so einen wirklich schönen Bibeltext zu lesen. Das macht mich nur noch müder. Und es ärgert mich, dass ich nicht soviel Gottvertrauen aufbringe wie der Prophet. Und es ärgert mich, dass meine Kraft nachlässt nicht nur die Äußere sondern auch die Innere. Dabei könnte es doch auch umgekehrt sein, dass die äußere Kraft nachlässt und die innere wächst.

Und ich frage mich, wie kann ich Gott besser vertrauen, dass er mir helfen wird?

Vielleicht kann ich es doch auch machen wie der Prophet Jesaja. Er überzeugt sich mit guten Argumenten: Er blickt in den Himmel und sieht die Sterne und sagt sich: Das bekommt Gott alles hin. Wieso sollte er nicht auch meine Kraft erneuern können? Gott ist so gewaltig. Das sollte für ihn doch nicht zu schwer sein. Ich brauche nur ein bisschen Geduld und ich brauche Vertrauen, dann bekomme ich neue Kraft. Ich weiß doch, dass die Zeiten sich immer mal wieder ändern. Jetzt geht es ums Durchhalten und hoffen und beten. Und dann wird mir Gott schon rechtzeitig helfen.

Jesus sagt dazu: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Also auch wenn Gottes Hilfe jetzt ausbleibt, im Endeffekt wird sie da sein. Und auch wenn es jetzt nicht mehr besser wird und die Kraft im Alltag versiegt, ist das nicht die letzte Wirklichkeit. Wir dürfen auf Gott hoffen auch über diese Welt hinaus. Schließlich haben wir letzten Sonntag Ostern gefeiert und uns nicht nur an die Auferstehung Jesu erinnert, sondern auch die Auferstehung von uns allen in den Blick genommen, von uns allen die wir Jesus Christus auf diesem Weg folgen werden. Und dann wird sich das noch viel besser anfühlen als Fliegen wie ein Adler. Und dann stimmt es, was der Prophet uns verheißt: 31Aber alle, die auf den Herrn hoffen,

bekommen neue Kraft.

Sie fliegen dahin wie Adler.

Sie rennen und werden nicht matt,

sie laufen und werden nicht müde.

Dann hat sich die Frage nach der Kraft im Alltag erledigt. Und das wird gut sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben.