Mehr Gnade

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Liebe Gemeinde, heute sind wir das zweite Mal Gastgeber der Sommerkirche in unserer neuen großen Gemeinde Evangelische Kirchengemeinde Dieburger Land. Wir wachsen zusammen. Ständig gibt es Veränderungen. Neu unter uns ist Pfarrerin Dr. Alida Euler in Altheim und Pfarrer Joachim Fuchs in Münster. Ich bin bei meiner vorletzten Sommerkirche vor dem Ruhestand. Leben ist ständige Veränderung. Aber es gibt eine Zusage Gottes, die bleibt.

Ich lese den Predigttext für den heutigen 6. Sonntag nach Trinitatis aus 5. Mose 7, 6-12Du, Israel, bist ein besonderes Volk,

du bist heilig für den Herrn, deinen Gott.

Der Herr, dein Gott, hat dich erwählt:

Als einziges Volk unter allen Völkern der Erde

sollst du ihm gehören.

Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker,

empfindet der Herr Zuneigung zu euch.

Nicht deswegen hat er euch ausgewählt.

Denn du bist ja das kleinste von allen Völkern.

Sondern aus Liebe zu euch hat der Herr es getan.

Er hält sich an den Eid,

den er euren Vorfahren geschworen hat.

Darum hat euch der Herr herausgeführt.

Mit starker Hand hat er euch aus der Sklaverei befreit –

aus der Gewalt des Pharao,

des Königs von Ägypten.

So erkenne nun:

Der Herr, dein Gott, er ist Gott.

Er ist ein treuer Gott und hält seinen Bund.

Die ihn lieben und seine Gebote befolgen,

erfahren seine Güte noch in tausend Generationen.

Doch die ihm untreu werden,

zieht er zur Rechenschaft und vernichtet sie.

Ohne zu zögern bestraft er jeden,

der ihm untreu wird.

Befolge deshalb die Gebote, Gesetze und Bestimmungen,

die ich dir heute weitergebe.

Handle unbedingt danach!

Das Versprechen des Segens

Das wird geschehen,

wenn du auf diese Bestimmungen hörst,

sie befolgst und danach handelst:

Dann bewahrt der Herr, dein Gott, den Bund

und hält dir die Treue.

So hat er es deinen Vorfahren geschworen.

Israel ist das Volk Gottes. Es ist von Gott erwählt, gerade als kleines Volk. Die Treue zu den Vorfahren wirkt weiter. Was die einzelnen Menschen schlimmes anstellen, hat Folgen für sie persönlich. Aber die Gnade, die mit dem ganzen Volk ist, die ist größer. Diese freundliche Zuwendung Gottes wirkt über das schlechte Verhalten von einzelnen hinweg auf alle. Die Gnade ist größer als die Sünde.

Wir Christinnen und Christen sind durch Jesus Christus in diese Erwählung hineingenommen. Das gilt auch nach dem Holocaust. Aber wir haben auch gelernt als evangelische Kirche: Israel bleibt erwählt. Israel bleibt unser älterer Bruder im Glaube und als Gemeinschaft, die Gottes freundliche Zuwendung über alle Fehler von einzelnen erfährt.

Vielleicht können wir allmählich auch darüber nachdenken, dass auch Muslime zu den Kindern Abrahams gehören. Vielleicht kann von uns, dem Mutterland der Reformation und gleichzeitig Land des Holocaust, ein Impuls ausgehen, dass es eine Verständigung zwischen den Kindern Abrahams gibt. Gerade wegen unserer besonderen Schuldgeschichte.

Israel ist nicht erwählt, weil es groß ist. Eher weil es klein ist.

Nun haben wir als Evangelische Kirchengemeinde eine größere Einheit gebildet. Trotzdem findet in den kleinen Einheiten vor Ort wichtiges statt. Denn die freundliche Nähe Gottes wird vor allem im Nahbereich im Alltag wichtig und spürbar. Ja, es gibt auch Impulse für den christlichen Glauben durch Kirchentage. Oder dadurch, dass in unserer Gesamtkultur über christlichen Glauben nachgedacht wird. Z.B. wenn jetzt während der Fußball-WM Felix Nmecha und Jonathan Tah nach dem Spiel einen Kreis mit manchen gegnerischen Spielern bilden und zusammen beten. Weil  Christen gegeneinander spielen können, aber trotzdem Geschwister sind in Jesus Christus.

Wir brauchen beides: dass der Glaube in unserem Alltag seinen Sitz im Leben findet. Seinen Ort. Damit die freundliche Zuwendung Gottes zu mir kommen kann. Damit die freundliche Zuwendung Gottes in mir wirken kann. Damit das wahr wird: die Gnade ist  so viel größer als die Sünde. Die Sünde hat schädliche Wirkungen auf die einzelnen Menschen. Die Gnade aber bleibt bei dem ganzen Gottesvolk. Und auch der Glaube der Vorfahren wirkt noch nach und ist ein wichtiges Erbe, an das wir anknüpfen können. Z.B. indem wir alte Lieder singen.

Ich gehe gerne mit dem ersten Kaffee in die Kirche und spiele Orgel und singe dazu alte Lieder aus  dem Gesangbuch. Das ist für mich eine Andacht und ich merke dabei, wie sehr unsere moderne Denkweise verengt ist. Mit den Liedern lerne ich ein anderes Sprachspiel und einen anderen Horizont kennen. Das erweitert meinen Spielraum und meinen Denkraum.

Wir als Christinnen und Christen haben es  deshalb besser als andere Menschen. In jedem Gottesdienst geschieht das an uns. Wenn wir gemeinsam das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser sprechen, dann werden wir in den Segensraum hineingestellt, der von unseren Vorfahren herkommt. Dann nehmen wir das Erbe in Anspruch. Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es um es zu besitzen, heißt es in Goethes Faust. Das tun wir, indem wir uns mit der alten Sprache des Glaubens auseinandersetzen und unsere Sprache, unserern Klang, unseren Denkraum finden.

Das ist übrigens prima dabei, dass wir eine größere Gemeinde geworden sind. Wir bekommen andere Anregungen. Und selbst wenn wir nur erklären müssen, was bei uns so los ist, schauen wir anders drauf.

Nutzen wir die Chancen, die im Zusammenwachsen liegen. Es gibt viel Veränderung. Aber es bleibt: wir sind erwählt als Gottesvolk. Gemeinsam mit Juden und vielleicht auch Muslimen als Kindern Abrahams. Wir haben Zugang zum Segen.

In der Ringparabel bei Lessing bekommen die Söhne alle den gleichen Ring. Einer enthält einen besonderen Segen. Da aber niemand weiß, wer es ist, strengen alle sich an und so erhalten sie den Segen. In freundlicher Konkurrenz zueinander, aber angewiesen auf die freundliche Zuwendung Gottes.

Das mit der freundlichen Konkurrenz ist doch eine gute Idee. So wie das Fußballspielen gegeneinander und dann miteinander beten.

Die Gemeinschaft des Gottesvolkes, in das wir Christen hineingepfropft sind, ist inhaltlich durch Freiheit bestimmt. Aus der Sklaverei sind wir befreit worden. Und immer wieder, wenn Sucht oder Trägheit oder Verzweiflung oder Angst oder Hoffnungslosigkeit einfangen wollen, wollen wir uns an den Satz von Paulus erinnern: Zur Freiheit hat euch Christus befreit, lasst euch nicht wieder unter das knechtische Joch fangen.

Die Regeln, die wir als Christen befolgen, sind Regeln der Freiheit. Der Zweck der Regeln ist es, die Freiheit zu befolgen. In den Worten Jesu: der Mensch ist nicht für den Sabbat geschaffen, sondern der Sabbat ist für den Menschen geschaffen, als Zeichen der Freiheit, des Ausruhens, des Aufatmens, des Nachdenkens, der Gemeinschaft.

Die Barmherzigkeit Gottes ist viel größer als die Strafe für das einzelne Fehlverhalten. 1000 Generationen wirkt die Barmherzigkeit. Eine Generation, das sind ungefähr 30 Jahre. 10 Generationen sind also 300 Jahre. 100 Generationen 3000 Jahre. 1000 Generationen also 30 000 Jahre. Die Geschichte von Abraham spielt ungefähr im Jahr 1500 vor Christus. Sie ist also jetzt 3500 Jahre alt. Wir merken: die 1000 Generationen sind noch lange nicht erreicht.

Die Gnade gilt auch für uns und die nachkommenden Generationen. Und das ist die wichtige gute Nachricht für uns. Sie sollte uns durch alle möglichen schlechten Nachrichten tragen. Denn sie ist die Grundlage. Die Gnade gilt. Die Gnade bleibt. Die Gnade geht mit uns durch alle Veränderungen hindurch. Und ist größer als das, was wir falsch machen. Die Gnade überwindet in uns und zwischen uns alles, was ihr entgegensteht.

Und der Friede Gottes…