Mittelweg 16.2.25 Albrecht Burkholz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen 3. Sonntag vor der Passionszeit, Septuagesimae also 70 Tage bis Ostern, steht in Prediger 7,15-18.

Es ist ein Bibeltext der späten Weisheit aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Eines der jüngsten Bücher des  Alten Testaments. Ich habe über diesen Bibeltext noch nie gepredigt. Er ist neu in unsere Perikopenordnung, der auf 6 Jahre ausgerichteten Ordnung der Predigttexte. Eine Kommission hat vor einigen Jahren mehr Bibeltexte aus dem Alten Testament aufgenommen, damit wir Christen nicht vergessen, dass unsere Wurzeln im Judentum liegen.

Nun aber Prediger 7,15-18 in der Übersetzung der Basisbibel.

Beides habe ich beobachtet in meinem Leben,

das rasch vorüberzieht:

Da ist ein gerechter Mensch.

Der kommt ums Leben, obwohl er die Gebote befolgte.

Und da ist ein ungerechter Mensch.

Der hat ein langes Leben, obwohl er Böses tat.

16Darum rate ich dir:

Sei nicht übertrieben gerecht

und bemühe dich nicht, überaus klug zu sein!

Warum willst du dich selbst zerstören?

17Handle aber auch nicht allzu gottlos,

und tu nicht so, als wärst du dumm!

Warum willst du vor deiner Zeit sterben?

18Man sagt: »Gut ist es, wenn du das eine anpackst

und auch von dem anderen deine Hand nicht lässt.«

Denn wer Gott ernst nimmt, dem gelingt beides.

Aus diesem Bibeltext klingt Resignation heraus. Eigentlich ist die Lage klar: wer gerecht handelt, bekommt von Gott ein langes Leben. Wer ungerecht handelt, bekommt von Gott ein kurzes Leben.

Aber die Erfahrung zeigt: manchmal ist es umgekehrt. Manchmal ist alles so ungerecht. Ich versuche, gerecht zu handeln, und trotzdem geschieht mir etwas Schlechtes. Wie kann Gott das zulassen?

Wer unseren Bibeltext verfasst hat, ich stelle mir einen alten Mann vor, der auf die Welt schaut und manchmal nur noch den Kopf schütteln kann, der schließt daraus, dass man einen goldenen Mittelweg finden muss. Nicht zu sehr sich verkämpfen für die Gerechtigkeit. Nicht zu sehr lasch werden. Was einem hilft beim goldenen Mittelweg ist es, Gott ernst zu nehmen. In der Lutherbibel heißt es Gottesfurcht. Es geht darum, Gott als die eigentliche Macht zu respektieren. Auch wenn ich die Weltordnung als ungerecht empfinde.

Für mich stellt sich angesichts dieses Bibeltextes die Frage: wohin gehen wir mit unserem großen Zorn über das, was ungerecht ist?

Man kann zynisch werden und sich entschließen, nur an seinen eigenen Vorteil zu denken und nicht mehr sich für das Allgemeinwohl einzusetzen. Unser Predigttext warnt: das führt ins Verderben. Und das tut es ja tatsächlich. Jedenfalls insgesamt für die Gesellschaft und auf Dauer.

Man kann den großen Zorn auch in Handlung übersetzen. Ich denke da an Donald Trump und seinen Rachefeldzug gegen alle seine Gegner. Hier in Deutschland ist die Geschichte von Michael Kohlhaas sprichwörtlich geworden. Ein Mann, der um seiner Rache willen alles kaputt macht, sogar sich selbst. Heinrich von Kleist hat diese Novelle 1808 geschrieben. Aller Terror beruht auf diesem Gefühl. Unser  Predigttext warnt uns: das führt ins Verderben. Und er hat Recht.

Wir stellen fest: es  ist nicht gut  zu resignieren und zynisch zu werden. Das wäre eine typische Antwort von alten Männern. Aber auch die typische Antwort von jungen Männern, mit Gewalt die Ungerechtigkeit zu beseitigen, ist nicht hilfreich.

Die Antwort des Predigttextes: weder das eine zu sehr noch das andere zu sehr. Und dabei Gott ernst nehmen.

Ich versuche zu übersetzen. Meine Frau und ich haben in der Kirche davor gewarnt, die Vor-Ort-Struktur zu schwächen. Wir sind nicht gehört worden. Jetzt wird es umgesetzt, dass wir Großgemeinden bilden. Ich merke, dass ich altersbedingt mit einer gewissen Resignation reagiere. Ich sehe es jedenfalls nicht als meine Aufgabe an, mit Mehrarbeit die schädlichen Folgen aufzuhalten.

Vor kurzem hat eine junge Kollegin, die neu da ist, begeistert von einer Kirchenvorstandssitzung berichtet. Sie konnte den Ängsten vor der Veränderung entgegenwirken und war voller Leidenschaft, die vielen Engagierten mitzunehmen. Ich sah die junge Leidenschaft. Ich dachte mir meinen Teil. Und dann später habe ich gemerkt: wir brauchen diese junge Energie, um der Schrumpfungsdepression entgegen zu wirken.

Gut wäre ein goldener Mittelweg. Die Erfahrung und die Bereitschaft, neu an die Sache ranzugehen, trotz der Fehler und Verletzungen der Vergangenheit. Eine Zusammenarbeit zwischen den Menschen mit den verschiedenen Erfahrungen.

Es kommt also darauf an, mit dem berechtigten Zorn über die Ungerechtigkeit gut umzugehen. So dass ich nicht beeinträchtigt werde. So dass das Gemeinwesen nicht beeinträchtigt wird und offen ist für neue Hoffnungen.

Der Frankfurter Philosoph und Sozialwissenschaftler Theodor Adorno, der nach dem Krieg wichtige Bücher veröffentlicht hat, hat einmal gesagt: Es gibt kein wahres Leben mitten im falschen. Aber ich glaube, wir müssen mitten in all dem, was schief läuft, mitten in all der Ungerechtigkeit versuchen, so viel wahres Leben wie möglich dem Leben abzuringen. Und dazu kann uns unser Predigttext helfen.

Es kommt also auf Zornmanagement an. Ich muss meinen berechtigten Zorn über die Ungerechtigkeit so in eine sinnvolle Energie verwandeln, dass es für mich lebbar und für mein Umfeld aushaltbar ist. Aber manchmal ist auch die Zeit gekommen, zu gehen und nicht nur Methoden zu finden, mit den ungerechten Zuständen halbwegs zurecht zu kommen. Und es  ist nicht einfach, den richtigen Zeitpunkt zum gehen zu finden. Denn die Kämpfe halten mich innerlich fest. Die Konflikte binden mich. Und es ist wichtig, dass ich innerlich frei werde davon. Den goldenen Mittelweg finde. Die Rache Gott überlasse. Und meinen Weg gehe, in Segen, weil Gott mitgeht.

Zu gehen ist auf jeden Fall, wenn meine Gesundheit oder die Gesundheit meiner Familie gefährdet ist. Zu gehen ist auch, wenn nichts aufbauendes mehr möglich ist.

Wir merken: das mit dem Goldenen Mittelweg ist gar nicht so einfach. Wichtig ist: ich muss meine Gefühle wahrnehmen. Ich muss Methoden finden, wie nicht meine Gefühle v.a. mein Zorn mich beherrschen, sondern ich die Gefühlen beherrsche, indem ich sie zunächst  fließen lasse, ausdrücke und so auf Dauer in den Griff bekomme. Dazu ist Gott sehr wichtig. Ich kann mit Gott reden. Ich kann Gott meine Gefühle ungeschützt sagen. So ungeschützt wie keiner anderen Person. Gegenüber Gott kann ich völlig ehrlich sein. Und Gott sieht die Ungerechtigkeit. Ich kann Gott überlassen, sich darum zu kümmern. Das erfordert viel Gottvertrauen und viel Beten, das, was mich da so ärgert, bei Gott zu lassen. Das ist ein langer Weg.

Liebe Gemeinde,

im Leben wird uns vieles zugemutet und wir müssen damit umgehen und das Beste daraus machen. Unser Glaube hilft uns dabei.

Übrigens können wir den Goldenen Mittelweg auch in der Geschichte Jesu sehen. Israel war damals von den Römern besetzt. Die Oberschicht in Jerusalem arbeitete mit den Römern zusammen und wurde dabei sicher nicht ärmer. Das war der Weg, die eigenen Werte aufzugeben. Dann gab es gewalttätigen Widerstand gegen die Römer. Vermutlich war sogar einer der  12 Apostel ein Zelot, also einer der Unterstützer von Anschlägen auf die Römer. Jesu Weg war der Mittelweg. Nicht Anpassung an die Römer. Aber auch nicht gewalttätiger Widerstand. Er gab seinem  Volk Hoffnung über die Ungerechtigkeit hinaus. Und er litt den Tod, völlig ungerecht, als Unschuldiger. Daraus wurde eine Bewegung, die dann das Römische Reich 300 Jahre später nach viel Verfolgung von innen heraus überwunden hat. Der Goldene Mittelweg lohnt sich. Er braucht einen langen Atem. Und dass wir unsere Gefühle mit Gott ins Benehmen setzen und so zu einer größeren Weisheit kommen. Damit wir das wahre Leben in diese falsche und ungerechte Welt bringen können. Das Reich Gottes. Mit Gottes Hilfe.

Und der Friede Gottes….