Nachbarschaftsgottesdienst 8.1.23 Albrecht Burkholz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde aus verschiedenen Orten der Nachbarschaft hier in Altheim. Das neue Jahr 2023 wird Veränderungen bringen. Wir werden uns entweder in einer großen Nachbarschaft, wie sie hier versammelt ist wiederfinden oder in zwei kleineren Nachbarschaften. Das wird im Frühjahr in den Kirchenvorständen entschieden. Demnächst werden die Zahlen zur Pfarrstellenkürzung kommen. Insgesamt sollen die Pfarrstellen in unserer Kirche um ein viertel gekürzt werden. Das heißt alle Kirchenvorstände müssen mit den Pfarrpersonen zusammen überlegen, was in den Kirchengemeinden in Zukunft nicht mehr stattfinden kann. Und bis 2026 müssen 20 Prozent der Gebäudekosten eingespart werden. Das heißt auch Gemeinden in der Nachbarschaft werden Gebäude, wahrscheinlich Gemeindehäuser verlieren.

Das alles sind keine erfreulichen Veränderungen. Es geht um Kürzungen. Wir werden weniger souverän vor Ort entscheiden können. Wir müssen mit unseren Gefühlen damit klar kommen, dass wir evangelischen Christen weniger werden und weniger Einfluss in der Gesellschaft haben. Die Stimme des Protestantismus in Deutschland wird schwächer. Das  ist zu betrauern. Und ich wünsche uns, dass wir im Trauerprozess darüber weiterkommen, um dann mit der richtigen Energie zu tun, was jetzt dran ist.

Unser Predigttext für heute ist eine Hilfe in dieser Situation. Er sagt uns: das Alte, das uns belastet, kann von uns genommen werden. Und es gibt eine Kraft von Gott, die uns hilft, die göttliche Fülle zu uns bringt. Ich lese Johannes 1,29-34

Am nächsten Tag sieht Johannes Jesus zu sich kommen. Da sagt er: »Seht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die Sünde dieser Welt weg!30 Diesen habe ich gemeint, als ich sagte:› Nach mir kommt ein Mann, der mir immer schon voraus ist. Denn lange vor mir war er schon da.‹31Auch ich wusste nicht, wer er ist. Aber damit er dem Volk Israel bekannt wird, bin ich gekommen und taufe mit Wasser.«32Weiter bezeugte Johannes: »Ich sah den Geist Gottes wie eine Taube vom Himmel herabkommen und bei ihm bleiben.33Auch ich wusste nicht, wer er ist. Aber Gott, der mich beauftragt hat, mit Wasser zu taufen, hat zu mir gesagt: ›Der, auf den du den Geist herabkommen und bei ihm bleiben siehst – der ist es. Er tauft mit dem Heiligen Geist.‹34Ich habe es gesehen und kann bezeugen: Er ist der Sohn Gottes.«

Eine Zeitenwende wird vorbereitet. Johannes der Täufer wartet auf einen, der nach ihm kommt und der schon vor ihm gewesen ist. Das Zeichen: der Geist Gottes kommt wie eine Taube auf ihn herab. Johannes sagt über Jesus: Er tauft mit dem Heiligen Geist. Also viel wirksamer als ich, der nur mit Wasser tauft. Und Jesus ist das Lamm Gottes, der die Sünde dieser Welt wegnimmt. Das ist eine Erinnerung an den jährlichen großen Versöhnungstag Jom Kippur. Am Versöhnungstag legt der Priester per Handauflegung die Schuld des Volkes auf den Sündenbock, einen Ziegenbock oder Schafbock. Der wird dann in die Wüste getrieben. Die Sünde soll weit weg sein vom menschlichen Siedlungsgebiet. So wird die Schuld aus der Gemeinschaft entfernt.

Es braucht ein wirksames Symbol, damit eine Gemeinschaft neu anfangen kann. Es braucht eine Bereitschaft, vergiftete Beziehungen zu beenden. Es braucht eine Bereitschaft, mit Versöhnung anzufangen.

In Messel gehört zur Abendmahlsliturgie, dass  wir singen: Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser. Ich vermute mal, in den anderen Gemeinden auch. Im Abendmahl begehen wir, dass Christus die Sünde dieser Welt weggenommen hat und weg nimmt. Das Kreuz erinnert uns daran. Das, was in dieser Welt schief läuft, ist so schlimm und gefährlich, dass der Mensch, in dem Gott vollkommen da war, gefoltert und getötet wurde. Aber das ist ein Verwandlungsgeschehen. Die Sünde der Welt wird weggenommen. Christus wird auferweckt. Und wir werden mit dem Geist getauft zu einem neuen Leben.

Das Kreuz in unseren Kirchen ist eine Erinnerung an den Tod, das auch, aber vor allem ein Verwandlungszeichen. Aus dem Tod entsteht etwas Neues. Die Sünde dieser Welt wird weggenommen. Wir werden mit dem Geist getauft zu einem neuen Leben.

Da ist eine große Kraft im christlichen Glauben. Manchmal ist die zu spüren in unseren Gemeinden. Und manchmal fühlen wir uns auch nur wie eine schrumpfende Volkskirche in Abwicklung. Aber egal, was für Gefühle wir haben. In unserer großen Tradition liegt diese wunderbare Möglichkeit des Neuanfangs ohne die Fehler der Vergangenheit. Deshalb ist es nötig, uns immer wieder an diese große Verwandlungskraft zu erinnern.

Ich habe vor kurzem lange mit einem Mann aus unserer Kirchengemeinde telefoniert. Der taucht normalerweise nicht im Gottesdienst auf. Er hat mir erzählt, dass er in einer Lebenskrise dabei war, mit dem Auto Selbstmord zu begehen, als er eine Stimme hörte. Diese Stimme gab ihm neuen Lebensmut. Er lebte weiter. Und er las dann viel in der Bibel.  Bei einer Kur entdeckte er, dass Beten hilft. Er entdeckte, dass er anderen, die krank sind, helfen kann, durch Zuhören und durch gemeinsames  Beten. Er hat nicht den Weg in die Gottesdienste gefunden. Er findet, einen Psalm zu hören, den man dann noch nicht mal versteht, hilft nicht weiter. Es geht darum, was man praktisch machen kann. Und er hat einen Weg gefunden praktisch anderen zu helfen und seinen Glauben zu leben.

Ich kenne in Messel mindestens vier Personen, die Nahtoderfahrungen gemacht haben. Und ich weiß, dass viele Menschen Geschichten mit Engeln erlebt haben, vor allem Schutzengeln. Und ich weiß, dass viele Menschen beten. Abends. Nachts. Zum Essen. Oder mit einem Kruzifix  reden. Ich denke, dass Messel da ganz durchschnittlich ist.

Diese Menschen mit intensiven Erfahrungen mit dem Glauben tauchen normalerweise nicht in Gottesdiensten auf. Aber sie sind da und sie sind überzeugt von dem, was sie erlebt haben. Schade dass sie ihre Geschichten nicht mit vielen anderen in der Gemeinde teilen. Aber immerhin haben sie mir davon erzählt. Und ich finde diese Geschichten sehr ermutigend. Wenn ich frustriert bin, weil noch soviel Platz in der Kirche in einem Gottesdienst ist, dann denke ich daran, was sie mir erzählt haben.

Wir werden das Angebot an Gottesdiensten und Veranstaltungen in den kleinen Orten in den nächsten Jahren zurück fahren müssen. Das können die wenigen Pfarrerinnen und Pfarrer, die es dann noch geben wird, nicht leisten. Aber auch das wird die Kirche und der Glaube überleben.

Worauf es  ankommt: wir sollten trauern über das Schrumpfen der Kirche. Gut wäre, wenn wir gut vorankommen mit dem Trauern. Damit wir den Schaden begrenzen können. Damit wir die Gelegenheiten beim Schopf greifen können, wenn es sie gibt. Damit wir uns nicht unnötig weiter selbst schwächen. Das macht die Kirchenpolitik leider schon genug.

Es wird Verteilungskämpfe geben und viel Ärger. Ich  hoffe, dass das nicht die grundlegende christliche Solidarität miteinander gefährdet. Ich hoffe, dass wir in ein paar Jahren sagen können: es war nicht so schlimm wie befürchtet. Wir haben einiges gut hingekriegt. Und wir können mit dem neuen Interesse am christlichen Glauben umgehen. Denn dieses neue Interesse spüre ich seit ungefähr 10 Jahren bei den Konfis. Und auch in der Literatur begegnet es mir ständig. Dieses Interesse werden wir aufgreifen können, weil wir den Frust des Niedergangs halbwegs überwunden haben werden. Es geht nie immer so weiter wie vorher. Es kommt etwas Neues. Und Gott kommt uns entgegen. Wir werden es sehen.

Ich wünsche ich uns  zum neuen Jahr, dass die am Glauben interessierten Menschen zu uns in die Gemeindenfinden. In Japan sagt man, dass man 1000 Kraniche falten muss, damit ein Wunsch in Erfüllung geht. Wir Christen wissen: wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Und wir wissen: Gott gibt über Bitten und Verstehen. Es kommt nicht auf die Zahl der Gebete an, es kommt nicht darauf an, wer betet, aber Beten hilft. Das wissen auch Menschen, die mit der Kirchengemeinde verbunden sind. Und dass wir Gottesdienst feiern und die Kirchengemeinden lebendig halten, das ist für die mit den Gebetserhöhungen und den Engelerfahrungen und den Nahtoderfahrungen wichtig. Wir halten einen Raum offen. Wir halten in unseren Orten einen Raum für Beten und für Segen offen. Wir ermöglichen, dass auch in unseren Orten etwas geschieht von diesem Sünde der Welt hinwegnehmen und mit Geist getauft werden.

Da geschieht etwas großes im christlichen Glauben. Wir sind Teil einer Zeitenwende, die immer noch läuft. Viel grundlegender als Zeitenwenden durch den Ukrainekrieg. Eine Zeitenwende, die unsere Seele verändert und in der Fülle Gottes verankert.

Und der Friede Gottes….

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