Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.
Liebe Gemeinde,
haben Sie schon mal jemandem einen guten Rat gegeben ohne dass er danach gefragt hat? Und wie war das Ergebnis. Hat diese Person den Rat berücksichtigt? Nein, vermutlich nicht. Haben Sie schon einmal eine Botschaft überbracht, die niemand hören wollte. Ja, das kommt öfter vor. Und wie wurden Sie dabei behandelt? Hier haben wir das Problem von praktisch allen Prophetinnen und Propheten, die Gott zu Menschen geschickt hat. Niemand möchte hören, was sie zu sagen haben. Dem Propheten Hesekiel wird es erst mal genauso gehen. Aber das ist nicht das Ende vom Lied. Ich lese die Berufungsvision von Hesekiel.
Hesekiel 2,1-10 ohne 6 und 7 und 3,1-3
1Gott sagte zu mir:
Du Mensch, stell dich auf deine Füße!
Ich habe dir etwas zu sagen.
2– Während er mit mir redete,
kam Gottes Geist in mich
und stellte mich auf meine Füße.
Dann hörte ich ihn wieder reden. –
3Er sagte zu mir:
Du Mensch, ich selbst sende dich zu den Israeliten,
zu diesem widerspenstigen Volk.
Immer wieder haben sie sich mir widersetzt.
Schon ihre Vorfahren haben sich gegen mich aufgelehnt,
daran hat sich bis heute nichts geändert.
4Sie sind immer noch abweisend und hartherzig.
Doch ich sende dich zu ihnen.
Du sollst zu ihnen sagen: »So spricht Gott, der Herr!«
5Dann können sie darauf hören oder auch nicht.
Selbst wenn sie widerspenstig bleiben, merken sie,
dass ein Prophet mitten unter ihnen war.
8Weiter sagte Gott zu mir:
Du aber, Mensch, hör, was ich dir sage!
Sei nicht so widerspenstig wie die,
die sich mir widersetzen.
Öffne deinen Mund und iss, was ich dir geben werde.
9Da sah ich eine Hand, die zu mir ausgestreckt war.
Sie hielt eine Schriftrolle
10und breitete sie vor mir aus.
Die Schriftrolle war auf beiden Seiten beschrieben,
mit vielen Klagen, mit Ach und Weh. 1Gott sagte zu mir:
»Du Mensch, iss, was du da siehst.
Iss diese Schriftrolle!
Dann geh und rede zum Haus Israel.«
2Ich öffnete meinen Mund,
und er gab mir die Schriftrolle zu essen.
3Dabei sagte er zu mir:
»Du Mensch, iss und fülle deinen Bauch
mit der Schriftrolle, die ich dir gebe.«
Da aß ich sie, und sie schmeckte süß wie Honig.
Der arme Mann. Nichts als Ärger bringt Hesekiel diese Berufung ein. Schrecklich mit so einem Auftrag leben zu müssen. Nichts, was er im Auftrag Gottes sagen wird, wird Zustimmung finden. Nein, Prophet sein, ist ein ganz mieser Job. Bis auf? …. Dazu kommen wir später.
Aber was ist mit dem Volk, zu dem Hesekiel redet? Widerspenstig sind sie und widersetzen sich Gott. So ist es zur Zeit Hesekiels und so war es immer. Und meines Erachtens ist das keine Besonderheit von Israel. So ist es heute auch bei uns. Ich mache mir Sorgen um die Evangelische Kirche. Wer ist denn noch bereit auf Gott zu hören? Wer liest in der Bibel? Wer besucht einen Gottesdienst, in dem aus der Bibel vorgelesen wird, und der Bibeltext ausgelegt wird? Ich weiß nicht wie lange es für die nächsten Generationen überhaupt noch Zugang zu dem alten Wissen über das Christentum geben wird? Welche Chancen wird es hier in Deutschland noch geben, Jesus Christus zu begegnen und im Glauben Trost und Hoffnung zu finden?
Aber es geht ja nicht in erster Linie um die Kirche. Es geht um ein gutes Leben für alle. Wer hält sich noch an sinnvolle Regeln? Also die Deutsche Bank vermutlich nicht. Es gab schon wieder Durchsuchungen wegen Geldwäscheverdacht in der Zentrale in Frankfurt. Aber auch wir einzelnen, wer findet es noch wichtig seinen Mitmenschen höflich und freundlich zu begegnen? Auch wir Deutschen sind ein widerspenstiges Volk, das sich Gott widersetzt.
Soweit können wir uns dem Buch Hesekiel wohl anschließen. Auch wir erleben, dass immer mehr Menschen heute bei uns abweisend und hartherzig handeln, einschließlich Teilen unserer Regierung.
Was bleibt uns also, die wir hier in der Kirche versuchen unseren Glauben zu leben und auf Gott zu hören?
Vielleicht hilft uns da der zweite Teil unseres Predigttextes weiter.
Gott fordert Hesekiel auf, eine Schriftrolle mit seinen Worten zu essen. Hesekiel tut das und die Rolle war süß wie Honig, obwohl der Inhalt mit vielen Klagen beschrieben war.
Übrigens gab es Zeiten, wo im Judentum unter dreißig Jährigen verboten war, Hesekiel zu lesen. Also liebe Konfis, ich hätte euch bevor ich den Predigttext gelesen habe, eigentlich rausschmeißen müssen. Man war wahrscheinlich der Meinung, dass man unter dreißig noch nicht genug Erfahrungen mit Katastrophen hatte, so dass man Hesekiel nicht verstehen konnte. Was daran richtig ist: Hesekiel ist der Prophet, der sein Volk durch katastrophale Zeiten gebracht hat.
Was ist passiert?
Was von Israel noch übrig war, wurde von den Babyloniern erobert. Hesekiel gehörte zur ersten Welle, derer, die nach Babylon verschleppt wurden. Und dort wurde er wichtig. Die israelische Oberschicht hatte nicht auf ihn gehört als er noch in Jerusalem gewirkt hat, und den Zorn Gottes über das widerspenstige Volk angekündigt hat, weil sie nicht auf Gott gehört haben. Aber als die Katastrophe dann eingetreten war, hat Hesekiel dafür gesorgt, dass Israel sich nicht wie andere Völker im Exil aufgelöst und an die Babylonier angepasst hat. Hesekiel war wichtig, dafür eine jüdische Identität außerhalb eines eigenen Staates aufzubauen und damit die Chance zu haben, wieder nach Israel zurückzukehren. Hesekiel hat die Leute in der Katastrophe getröstet und ihnen zugesprochen, dass Gott ihnen vergeben hat und ihnen nun helfen wird.
Die Schriftrolle mit den Worten Gottes war dann nicht nur in Hesekiels Mund süß. Die Verschleppten haben angefangen, auf ihn zu hören und sich wieder Gott zuzuwenden und auch in ihrem Mund wurden die Worte Gottes, die sie vorher abgelehnt hatten, wie Honig.
Es könnte sein, dass auch der christliche Glaube nicht in erster Linie etwas für die guten Zeiten ist, in denen jeder mehr oder weniger mit dem eigenen Leben klar kommt.
Oder vielleicht sollte ich das nicht so allgemein formulieren. In den guten Zeiten haben wir als Kirche und habe ich als Pfarrerin oft Nettigkeiten gepredigt. Wir haben diskutiert, wieso Jesus sterben musste und ob er nicht das Gleiche hätte erreichen können mit einem langen Leben, in dem er noch mehr Gleichnisse erzählt hätte, noch mehr Menschen geheilt hätte und wo er alt und lebenssatt gestorben wäre. In Zeiten der vielen Krisen und Unsicherheiten und Kriege und verrückter Herrscher, verstehen wir, dass das nicht gereicht hätte. Gott kommt uns nahe in den Katastrophen, durch unsere Katastrophen hindurch, in der Angst um die Kinder und Enkel, in der Angst um die eigene Zukunft, in den Krankheiten, von denen wir nicht wissen, wie sie ausgehen werden.
Gott ist nicht eine Wellnesszugabe bei schönem Wetter und strahlendem Sonnenschein, um den man sich kümmern kann, oder es bleiben lassen kann.
Gott ist die Begleitung auf dem Weg durch die schweren Zeiten. Gott hört unsere Gebete, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Und Gott hilft uns, wenn es haarig wird. Und dann beginnen wir zu schätzen, welchen Schatz wir in der Bibel haben und wir beginnen wieder auf Gott zu hören. Und wir fangen an als Gemeinde zusammen zu stehen und uns gegenseitig zu ermutigen. Denn wir wollen, dass auch unsere Kinder und Enkel noch Zugang zu einem Glauben finden, er uns geholfen hat.
Gott hat damals sein widerspenstiges Volk nicht im Stich gelassen. Und Gott wird heute uns und unser widerspenstiges Volk nicht im Stich lassen. Unsere Gebete werden erhört, und es wird für uns alle einen Weg durch die die schwierigen Zeiten geben. Und wir werden diesen Weg sehen, wenn wir uns dem Gott zuwenden, der uns trösten kann, der uns helfen kann. Klar sind in jedem und jeder von uns Widerstände gegenüber einer Botschaft, die so unbequem ist, wie die christliche. Die Aufforderung uns nicht hartherzig und abweisend gegenüber unseren Mitmenschen zu verhalten, ist mehr als lästig. Und ich persönlich finde sie auch richtig schwer zu befolgen. Ich bin halt nicht der freundliche Typ. Aber die Lage ist inzwischen so furchteinflößend geworden, dass wir endlich wieder anfangen müssen auf Gott zu hören. Was ich persönlich echt schwer finde. Das wurde mir nicht gerade in die Wiege gelegt. Ich verstehe jeden, der den christlichen Glauben zu anstrengend findet. Aber ich hoffe sehr, dass wir auch die Erfahrung wie Hesekiel machen werden, dass die Worte Gottes am Ende süß wie Honig sind und uns hoffnungsvoll durch schwere Zeiten bringen werden.
und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!