Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde, wir alle würden vermutlich sagen: im Leben kommt es darauf an, die Beziehung zur Familie und Freunden zu pflegen. Denn wir Menschen sind sozial vernetzte Wesen und unser Sinn und unsere Bedeutung liegen dort.
Jetzt geht es in der Kirche natürlich um Gott und den Glauben und ich denke, wir alle stimmen zu, dass die Gottesbeziehung die grundlegende Beziehung ist. Wie wir mit Familie und Freunden verbunden sind, das gehört zu unserer Gottesbeziehung. Gott ist sozusagen die Beziehungskraft. Die Verbindungskraft. Die Liebe. Das Salz in der Suppe. Das Licht, das Lebenskraft und Sinn und Bedeutung aufstrahlen lässt mitten in unseren Beziehungen und auch in dem, wo unsere Beziehungen nicht klappen.
Unser heutiger Predigttext bringt in dieses Bild eine Provokation rein. Eine Sprengkraft. Unser Predigttext sagt: es gibt mehr und wichtigeres als die Familie. Und das sagt unser Predigttext sehr schroff. Sehr steil. Nicht sehr diplomatisch. Nicht sehr gemäßigt. Nicht sehr höflich.
Ich lese Markus 3,31-35
31Inzwischen waren die Mutter
und die Brüder von Jesus gekommen.
Sie blieben draußen stehen
und schickten jemand, der ihn rufen sollte.
32Aber die Volksmenge saß um Jesus.
Sie sagten zu ihm: »Sieh doch, deine Mutter,
deine Brüder und deine Schwestern stehen draußen.
Sie suchen nach dir.«
33Aber Jesus antwortete:
»Wer ist meine Mutter? Und wer sind meine Brüder?«
34Er blickte die Leute an, die rings um ihn saßen,
und sagte: »Das sind meine Mutter und meine Brüder!
35Wer tut, was Gott will,
der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.«
Jesus verleugnet seine Familie. Gut, die wollen ihn als Verrückten nach Hause holen. Denn was er da macht und sagt, das ist zu viel Sprengstoff in dieser Gesellschaft. Menschen loben ihn, wenn er sie heilt. Menschen gehen ihm nach und verlassen ihre Familien und ziehen mit ihm durchs Land. Und andere ärgern sich total. Es ist schon früh zu erkennen, dass das tödlich enden kann.
Was Jesus hier macht, klingt auch wie eine prophetisch Zeichenhandlung. Er macht etwas sehr deutlich: wer den Willen Gottes tut, der gehört zu meiner Familie. Es entsteht eine neue enge Verbindung, die die alten Verbindungen in Frage stellt. Die, den Willen Gottes tun. Was für eine Provokation. Damit sagt er ja, dass die anderen, die als fromme Menschen die Regeln beachten, nicht den Willen Gottes tun.
Jesus verkündet das Reich Gottes. Das ist etwas so Unscharfes, dass er in Geschichten davon erzählt. In Gleichnissen. Mit dem Reich Gottes ist es so wie….
Jesus lebt wie ein Prophet. Wie ein Wanderradikaler, so hat es ein Professor genannt. Er lebt nicht mehr in den normalen Zusammenhängen und ist dadurch viel freier. Alle spüren ja: das was ist, ist nicht gut und kann nicht auf Dauer gut gehen. Die Spannungen sind riesig. Da sind die Römer als Besatzungsmacht. Die rauben das Land aus und rauben sich große Landgüter zusammen. Es herrscht viel Gewalt und Bereitschaft zur Gewalt. Die Pharisäer, Jesu Gegner, versuchen alle dazu zu bekommen, die Gebote ganz genau einzuhalten. Sie schließen dabei die aus, die das nicht können oder tun. Sie schließen die aus, die mit den Römern zusammenarbeiten. Sie schließen die ganz Armen aus, für die es zu schwer ist, alle Regeln zu befolgen.
Jesus sammelt ein neues Gottesvolk. Er lädt die Ausgeschlossenen ein und bittet die, die so sicher sind, sich darauf einzulassen. Viele Pharisäer gehen diesen Weg nicht mit und die beschimpft Jesus als Schlangen und Ottergezücht. Und als er auch noch die Geldwechsler aus dem Tempel vertreibt, weil sie aus dem Gotteshaus eine Räuberhöhle gemacht haben, da werden diejenigen, die ihn am Kreuz sehen wollen, zu viele.
Jesus sammelt ein neues Gottesvolk. Er lebt eine neue Freiheit. Er provoziert die, die den Kopf in den Sand stecken und nur ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen und dabei die Zukunft verleugnen. Und er schont dabei sich selbst nicht. Im Vertrauen auf Gott, der größer ist als die Todesgefahr.
Also, wie ist es, liebe Gemeinde, ist die Gottesbeziehung einfach nur die harmonische Grundlage unserer Beziehung zu Familie und Freunden? Oder ist da mehr? Mehr Sprengkraft?
Ich glaube, es geht nicht darum, seine Beziehungen ohne Not zu gefährden. Aber es geht auch darum, mich nicht von dem Weg abbringen zu lassen, der von Gott her für mich dran ist.
Beispiel: Martin Luther wusste, dass es seinem Vater nicht gefällt, wenn er ins Kloster geht. Er sollte als Jurist den Aufstieg der Familie absichern. Aber dann fühlte er sich in einem Gewitter dem Tod nahe und ging doch ins Kloster. Dort fand er einen väterlichen Freund, Staupitz. Und er wusste auch, dass er mit seiner Infragestellung der Kirche die Erwartungen dieses väterlichen Freundes enttäuschte. Aber die Wahrheit duldete keine Rücksichtnahme. Um der Wahrheit willen musste er diese grundlegenden Beziehungen zu seinem Vater und zu seinem Freund in die zweite Reihe stellen.
Was heißt das für uns?
Zunächst einmal: wir sind die Familie Jesu. Wir sind es, insofern wir den Willen Gottes tun. Also auch oft nicht. Aber wir sind es auch als Gemeinde. Als der Leib Christi. Wir alle zusammen so wie wir sind, sind eine Erscheinungsweise von Jesus Christus hier in Messel an diesem Sonntagmorgen. Denn das Reich Gottes ist immer noch im Kommen. Wir haben es nie in der Tasche. Wir öffnen uns dafür, wenn wir nachher im Vaterunser beten: Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Wir öffnen uns für dieses geheimnisvolle Reich Gottes, indem wir Gottesdienst feiern. Indem wir beten. Indem wir nach innen lauschen, um den Willen Gottes für unsere Situation zu hören. Und das ist eine sehr spannende Fragestellung. Der Wille Gottes für meine Situation. Das kann mehr und anders sein als das, was Familie und Freunde sagen. Denn die Sache mit Gott, das ist eine Sache zwischen mir und Gott. Etwas, was allem anderen Anpassungsdruck entzogen ist. Wo etwas Neues entstehen kann. Wo etwas vom Himmel auf die Erde kommen kann. Wir wissen noch nicht, was das ist. Wir können alte Worte dafür finden: Wahrheit. Gerechtigkeit. Frieden. Glaube. Liebe. Hoffnung. Aber was das jetzt für mich heißt, das ist eine Sache zwischen mir und Gott. Natürlich kann ich darüber reden. Mit der Familie. Mit Freunden. Aber auch darüber hinaus mit der neuen Familie. Mit denen, die den Willen Gottes tun. Also mit Menschen in der weltweiten Kirche. Und auch darüber hinaus. Denn Reich Gottes ist viel größer als alle Religionsgrenzen. Und sonstige Grenzen. Weil eben Gott auf die Erde kommt. Und in Menschen und zwischen Menschen neue Gestalt gewinnt.
Ich schließe mit der Vaterunserbitte: dein Reich komme.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben. Amen.