Nicht verurteilen 17.11.24

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

heute ist Volkstrauertag. Im Anschluss an den Gottesdienst wird ein Kranz am Kriegerdenkmal niedergelegt und wir Gedenken der Opfer der Kriege. Das ist heute aktueller denn je. Wir haben Grund uns Sorgen zu machen, denn der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der Krieg in Israel, Libanon und Gaza mit den Demonstrationen an den Universitäten das hat auch Einfluss auf unser Leben. Die Welt ist heute so vernetzt, dass wir beeinflusst werden von allem Möglichen, das in der Welt geschieht zum Beispiel welcher Präsident die USA regiert. Vielleicht war das zu Zeiten von Paulus insofern ähnlich als er sich im römischen Reich bewegt, wo die Zentralregierung auch das Leben vor Ort und auch das Leben der christlichen Gemeinde beeinflusst. Paulus ist sich aber auch bewusst, dass wir alle Einfluss auf andere Menschen haben und das Leben der Menschen, mit denen wir zu tun haben, ein Stück weit prägen. Und das gilt auch für die christliche Gemeinde. Jede und jeder beeinflusst, was in der Gemeinde geschieht und wie es den anderen geht. Insofern ist Paulus mal wieder sehr modern. Aber hören Sie selbst. Ich lese

Römer 14,7-13

7Keiner von uns lebt nur für sich selbst

und keiner stirbt nur für sich selbst.

8Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn.

Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn.

Ob wir nun leben oder ob wir sterben –

immer gehören wir dem Herrn!

9Denn dafür ist Christus gestorben

und wieder lebendig geworden:

Er sollte der Herr sein

über die Toten und die Lebenden.

10Du Mensch, was bringt dich nur dazu,

deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen?

Und du Mensch, was bringt dich dazu,

deinen Bruder oder deine Schwester zu verachten?

Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen!

11Denn in der Heiligen Schrift steht:

»›Bei meinem Leben‹, spricht der Herr:

›Vor mir wird jedes Knie sich beugen,

und jede Zunge wird sich zu Gott bekennen.‹«

12So wird jeder von uns

vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen.

13Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen!

Achtet vielmehr darauf,

den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen.

Werdet auch nicht zum Stolperstein für sie.

Im Römerbrief behandelt Paulus hier die Frage, ob man Götzenopferfleisch essen darf. In den antiken Städten waren die Tempel die Schlachthöfe. Die Tiere wurden für den jeweiligen Gott oder die Göttin geopfert, ein Teil davon für sie oder ihn verbrannt und das übrige Fleisch auf dem Markt verkauft. Das heißt, es gab eigentlich nur Fleisch, das einer Gottheit gewidmet war. Manche neuen Christinnen und Christen befürchteten sich mit diesem Fleisch zu verunreinigen, weil sie aus Versehen mit dem Essen eine andere Gottheit verehren. Andere sagen, es gibt nur den einen Gott, und es ist egal ob irgendwelches Essen mit einer anderen machtlosen Gottheit in Verbindung steht. Paulus sieht das im Prinzip genauso aber er meint: Aus Rücksicht auf die Mitchristinnen und Mitchristen, die Angst vor diesem Fleisch haben, sollte man es lieber nicht essen. Und wie das bei Paulus so ist, macht er aus einer einfachen Alltagsfrage eine prinzipielle Frage. Gegenseitige Rücksichtnahme ist wichtiger als alles andere, weil alle Christinnen und Christen mit Jesus Christus verbunden sind, sind sie auch untereinander so verbunden, dass an der gegenseitigen Rücksichtname die Entscheidung Gottes über das eigene Leben hängt. Und weil das Gericht allein Gott zusteht, deshalb darf man auf keinen Fall die anderen verurteilen oder verachten. Das ist ein wichtiges christliches Prinzip.

Klingt auf den ersten Blick einfach, ist es aber nicht, gerade wenn man berücksichtigt, dass es am Volkstrauertag um die Geschichte unseres Volkes geht.

Ein aktuelles Beispiel: Wenn man sich im Internet ansieht, was die AFD so alles veröffentlicht, dann ist das voller Hass und Hetze. Undifferenziert werden alle Politiker verurteilt ohne weitere Begründung, es gibt Aufrufe zur Gewalt vor allem gegen Frauen und Politikerinnen der Grünen. Von Rücksichtsname keine Spur. Deshalb verstehe ich den Kirchenpräsidenten, der gesagt hat, Mitgliedschaft in der AFD ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Aber ich verstehe auch, dass sich ein Teilnehmer meines Lektorenkurses über diese Äußerung des Kirchenpräsidenten furchtbar aufgeregt hat. Er fand, dass der Kirchenpräsident nicht einfach eine Gruppe von Mitchristinnen und Christen so pauschal verurteilen darf. Wenn man in der AFD ist muss man ja nicht alles, was die Partei tut und sagt gut finden. Und hier haben wir das Problem. Muss man nicht christlicherweise Hass und Hetze verurteilen und sich klar dagegen äußern und auch etwas dagegen tun? Ja, natürlich. Darf man Mitchristinnen und Mitchristen verachten und verurteilen? Nein, das darf man nicht. Und es gibt zweifellos Christen in der AFD und natürlich wird Donald Trump vor vielen Christen in den USA massiv unterstützt, was mir völlig unverständlich ist. Aber es ist eine Tatsache.

Und was machen wir jetzt?

Natürlich unseren Predigttext fragen:

»›Bei meinem Leben‹, spricht der Herr:

›Vor mir wird jedes Knie sich beugen,

und jede Zunge wird sich zu Gott bekennen.‹«

12So wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich selbst geben müssen.

13Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen!

Ich verstehe das als Aufforderung vor der eigenen Tür zu kehren und uns am Ende auf Gott zu verlassen. Wir sollten sehen, dass wir uns nicht von Hass und Hetze anstecken lassen und allen Menschen egal, was sie denken, mit Respekt begegnen. Das ist in diesen Zeiten ganz schön schwierig. Und ich verstehe jeden, der sich über etwas aufregt, was in der Politik, in der Wirtschaft und in der Kirche passiert. Ich rege mich selbst ständig über etwas auf und finde das ziemlich anstrengend. Aber am Ende gilt. Es hat keinen Sinn immer wütend zu werden. Und es hat auch keinen Sinn ängstlich wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Zukunft zu starren. Was wir brauchen sind Menschen, die Hoffnung schüren und Wege sehen, wie wir die Flut von Problemen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, lösen können. Was wir brauchen sind Menschen, die nicht die Klappe aufreißen, sondern im Hintergrund ruhig und besonnen darüber nachdenken, wie es weiter gehen kann. Wir brauchen Menschen, die nicht die Nerven verlieren, sondern nach Auswegen suchen. Und es ist hilfreich für unsere Umgebung und für unser Land, wenn wir versuchen selbst solche Menschen zu sein. Was das im Einzelnen heißt, müssen wir uns im Einzelnen überlegen und uns dabei bewusst sein, dass alles, was wir tun mit Jesus Christus verbunden ist und mit all unseren Mitchristinnen und Mitchristen, ob sie uns gefallen oder nicht. Denn: 7Keiner von uns lebt nur für sich selbst

und keiner stirbt nur für sich selbst.

8Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn.

Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn.

Ob wir nun leben oder ob wir sterben –

immer gehören wir dem Herrn! Und dieser Herr ist der Richter im Weltgericht. Und am Ende wird er alles in Ordnung bringen, was wir jetzt nicht lösen und in Ordnung bringen können. Und vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass die Welt in seinen Händen und nicht in unseren Händen liegt und wir die Welt nicht retten müssen, weil sie schon gerettet ist. Dafür sollten wir dankbar sein und darauf vertrauen, dass wir mit Gottes Hilfe auch durch diese schwierigen Zeiten kommen werden. Und wir kommen um so besser durch, um so mehr wir uns gegenseitig unterstützen und stärken und die Ruhe bewahren.

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!