Pestgedenktag 2.11.26

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

1666 hatte Messel wohl nur 100 Einwohner. Dann kam die Pest. 28 Pestttote gab es. Fast ein Drittel der Bevölkerung. Und als die Pest vorbei war, versammelte der damalige Pfarrer die Gemeinde in der Kirche und nahm ihr das Gelübde ab, jedes Jahr am 2. November zu gedenken. Vor 100 Jahren war das in Messel ein Tag mit 3 Gottesdiensten. Die Konfirmanden durften vor dem ersten Gottesdienst nichts essen.

Wir heute haben Corona ab 2020 eigentlich ganz gut überstanden. Aber die seelischen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind immer noch stark. Deshalb frage ich heute: wie gewinnen wir Widerstandskraft? Überwindungskraft. Resilienz, wie man heute sagt. Wie können wir mit all dem Schwierigen, was so viele überfordert, gut umgehen?

Ich finde, wir können dabei von unseren Vorfahren lernen. Erstens vom Buch Jona und zweitens von den Messelern, wie sie mit der Pest umgegangen sind.

Fangen wir mit Jona an.

Jona hört die Botschaft Gottes. Er soll nach Ninive gehen, in die Hauptstadt der Feinde. Und Jona verdrängt. Er tut so, als hätte er nichts gehört. Er geht auf ein Schiff, das in die Gegenrichtung fährt.

Dann, als der Sturm nicht aufhört, und die Matrosen das Los werfen und es auf ihn fällt, kann er nicht mehr innerlich davon laufen. Er stellt sich der Wirklichkeit. Er weiß, er muss sich opfern. Er lässt sich über Bord werfen. Dann, im Bauch des Fisches in der Tiefe des Meeres betet er. Das ist der Wendepunkt. Gezwungenermaßen stellt er sich der Wirklichkeit. Er läuft nicht mehr weg. Er erfüllt seinen Auftrag. Er geht, an Land gespuckt, nach Ninive und predigt: Noch 3 Tage, dann wird die Stadt untergehen. Das Wunder passiert: die Stadt kehrt um von ihrer Bosheit. Und Gott erbarmt sich und zerstört sie nicht. Jona ist sauer und dann führt Gott noch ein Bekehrungsgespräch mit ihm. Anhand der schattenspendenen Rizinusstaude, die ein Wurm zerstört hat, macht Gott ihm klar, wie herzlos er ist. Diese Bekehrung scheint noch schwieriger zu sein als die erste, die immerhin einen verschlingenden Fisch brauchte. Jedenfalls bleibt die Reaktion des Jona offen. Mitgefühl mit Gegnern und Feinden – das scheint die höhere Kunst zu sein.

Was lernen wir daraus für unsere Fähigkeiten heute, mit Schwierigem umzugehen?

Verleugnen führt nicht weiter. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr wir als Gesellschaft Probleme verdrängen können. Ich bin selbst gut im Verdrängen, aber als Gesellschaft machen wir es dauernd und bestärken uns gegenseitig darin. Und das, obwohl wir ja so viele Möglichkeiten haben, hinzuschauen und uns zu informieren. Beispiel: wir wissen, dass der Klimawandel zu heißeren Sommern führt. Trotzdem werden immer noch öffentliche Gebäude mit großer Glasfront und ohne Klimaanlage gebaut.

Jona ist ein spätes Buch und schaut mit einem gewissen Humor auf die Geschichte. Und darin steckt die Weisheit: Feinde kommen und gehen. Dramatische Situationen kommen und gehen. Worauf es ankommt, ist: auf Gott zu hören. Und das heißt: nicht einfach den eigenen Gefühlen folgen. Jonas erste Gefühlsregungen: fliehen vor dem Auftrag Gottes und dann nachher sauer sein, weil Gott die Stadt doch rettet, Jonas erste Gefühlsregungen sind schwierige Ratgeber. Das heißt für uns: im Gespräch einander helfen, schwierige Gefühle zu überwinden. Und wenn alle gerade hysterisch bestimmte Gefühle übertreiben, dann hilft vielleicht ein Griff zu Bibel oder Gesangbuch oder ein Gebet: eine andere Stimme, die mich unterbricht, die etwas neues in die allgemeine Hysterie bringt.

Ein AFD-Wähler in Sachsen-Anhalt wurde gefragt, was denn seine Partei besser machen könne. Er antwortete: Schlimmer als jetzt geht es nicht. Falls das sein echtes Gefühl war, dann finde ich das sehr erschreckend. Wir leben in einem Land, in dem vieles funktioniert. Viele Menschen würden gerne hier leben. Wenn dieser AFD-Wähler das Gefühl hat, schlimmer als jetzt geht es nicht, dann ist er in einer erstaunlichen Blase. Einer Blase, die ihm nicht gut tut.

Wir versuchen, immer eine gute Nachricht ins Nachrichtenblatt zu schreiben. Weil die guten Nachrichten zu leicht untergehen. Sie werden im Netz zu wenig geklickt. Wir Menschen haben diese eingebaute Wahrnehmungsverzerrung, dass das Gefährliche mehr Aufmerksamkeit bekommt. Das ist zunächst gut. Aber Panik ist kein guter Ratgeber. Unsere Gefühle sind insgesamt ein schwieriger Ratgeber. Im Zusammenleben ärgern wir uns immer übereinander. Und wir trainieren, schon als Kinderspiel: Mensch, ärgere dich nicht. Wir trainieren: wir ärgern uns. Wir bleiben trotzdem höflich. Wir überspielen den Ärger. Und dann lässt der Ärger mit der Zeit nach. Im Ärger die Spielfiguren umwerfen und rauszulaufen ist nicht hilfreich.

An Jonas merkwürdigen Gefühlen können wir lernen, unsere Gefühle wahrzunehmen und dann durch ein Sieb laufen zu lassen. Erst mal atmen. Erst mal überlegen und prüfen. Und vielleicht überlegen: wenn diese Geschichte später erzählt wird, vielleicht als Beispielgeschichte in einem Gottesdienst, wie sollte sie weitergehen. Wir müssen es ja nicht perfekt hinkriegen. Aber vielleicht kriegen wir es besser hin als Jona.

Schauen wir uns an, was die Messeler 1666 gemacht haben. Sie haben ein gemeinsames Gedenken begonnen. Die einzelnen Messeler waren mit ihrer Trauer nicht allein. Mit dem gemeinsamen öffentlichen Gedenken haben sie die Zukunft in den Blick genommen: jedes Jahr am 2. November. Der 2. November bedeutete: die Pest ist zu Ende. Es gibt Überlebende. Die Überlebenden müssen damit klarkommen, dass sie überlebt haben und sich damit auch schuldig fühlen. Sie brauchen dringend dieses gemeinsame Gedenken, um so gut es geht weitermachen zu können.

Mit diesem öffentlichen Bußtag mit Gottesdiensten in der Kirche schließen sie an Formen an, die in der Bibel vorkommen. Und alles Unbegriffene und Schwierige können sie an Gott abgeben.

Wir wissen nicht, wie genau es damals weiterging. Vermutlich waren die ersten Jahre schwierig. Vielleicht sogar schwieriger als bei uns heute. Aber die Messeler haben ihre Form gefunden. Diese Form war hilfreich.

Wir heute haben unsere Formen, wie wir unsere Widerstandskraft stärken. Menschen vor uns haben sie entwickelt  und wir können daran anknüpfen. Wenn wir hier zusammen Lieder singen im Gottesdienst, dann wirkt das auf mich sehr stark. Da haben Menschen etwas gedichtet. Menschen aus einer anderen Zeit wirken mit ihrer Sprache. Das Lied hat eine Geschichte für mich. Das Lied, das wir als erstes gesungen haben, haben wir in einem Bretagneurlaub mit dem neuen Gesangbuch gesungen und unsere jüngste Tochter liebte es sehr. Und immer wenn ich dieses Lied singe, dann geht diese Erinnerung mit.

Ich singe ja oft hier in der Kirche mit der Orgel zusammen und das wirkt auch. Aber wenn wir Gottesdienst feiern, dann ist das was besonderes. Dann ist Gott noch in anderer Weise gegenwärtig. Weil andere Glaubende da sind und ihre Gedanken, ihre Hoffnungen, ihre Gebete auf Gott richten. Wir sind gemeinsam ausgerichtet zum Himmel hin. Das stärkt unsere Resilienz, unsere Widerstandskraft.

Ich wünsche uns allen, dass wir die persönlichen Formen finden, mit dem Schwierigen umzugehen. Dass wir dabei die Umwege eines Jona vermeiden. Aber andererseits: auch die Umwege gehören notfalls dazu. Und Hauptsache, wir finden den richtigen Weg irgendwann.

Die Menschen in der Bibel sind jedenfalls so fehlerhaft, dass wir uns nicht schämen müssen, wenn wir ne Menge falsch machen. Und das tun wir ja auch, das ist leider menschlich. Aber Gott schreibt zum Glück auch auf krummen Linien gerade. Wir können fallen, aber wir fallen nicht tiefer als in Gottes Hand.

Und der Friede Gottes….