Silvester 31.12.20 im Dialog

Elke: Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

wir gehen auf ein neues Jahr zu und hoffen, dass es besser wird als das alte Jahr. Das wird noch ein bisschen dauern. Und wir müssen uns noch in Geduld üben. Aber ich hoffe, dass wir nächstes Jahr diesen Gottesdienst wieder hier in der Kirche feiern können, ohne dass jemand Angst vor Ansteckung haben müsste.

Albrecht: Aber bis dahin sind wir noch darauf angewiesen, uns die Jahreslosung des neuen Jahres 2021 zu Herzen zu nehmen. Sie lautet:

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Das ist eine große Herausforderung. Denn gerade liegen bei vielen die Nerven blank, und Barmherzigkeit fällt schwerer als sonst. Außerdem will ich nicht barmherzig umgehen mit Maskenverweigerern, Coronaleugnern, Rechtsradikalen und Reichsbürgern. Ich bin wütend auf diejenigen, die so langsam waren mit dem Lockdown und diejenigen, die denken Regeln gelten für alle nur nicht für mich. Barmherzigkeit fällt mir gerade sehr schwer.

Elke: Ich glaube, du verstehst unter Barmherzigkeit etwas anderes als ich. Barmherzigkeit ist ja nicht Toleranz gegenüber Menschen, die etwas Falsches und Zerstörerisches tun. Wenn jemand in einen Drogensumpf abgerutscht ist, dann ist es sehr unbarmherzig ihn einfach weiter machen zu lassen. Wenn man darüber hinweg sieht, dann wird er seine Gesundheit, sein Leben und seine Beziehungen zerstören. Das einfach zu tolerieren, wäre sehr unbarmherzig. Hilfreicher ist da zu versuchen ihn in ein Entzugsprogramm zu bekommen, notfalls auch, indem man ihn anzeigt (bei illegalen Drogen).

Albrecht: Das ist ja noch anstrengender. Diese Sorte von aktiver Barmherzigkeit verlangt ja noch mehr Engagement als die Toleranz gegenüber falschem Handeln. Ich versuche gerade durch eine anstrengende und schwere Zeit zu kommen. Und jetzt setzt diese Jahreslosung die Ansprüche an mich noch mal hoch. Nein Danke!

Elke: Ja, das stimmt. Und im Grunde ist es noch schlimmer. Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist! heißt ja: Wir sollen die anderen behandeln wie Gott  uns behandelt. Das ist wirklich ein hoher Anspruch.

Albrecht: Leider ist es auch ein berechtigter Anspruch. Wenn Gott uns hilft, falsche Wege zu verlassen und uns ermöglicht immer wieder neu anzufangen, dann kann er mit Fug und Recht von uns erwarten, dass wir andere auch dabei unterstützen.

Elke: Was gehört für dich denn alles dazu? Wie sieht barmherzig handeln aus?

Albrecht: Es fängt damit an, vor mir selbst zuzugeben, dass der andere mich gerade beleidigt, geärgert oder mir etwas angetan hat. Ich muss wahrnehmen, dass ich verletzt wurde. Und ich muss mir darüber klar werden, welche Gefühle das bei mir auslöst. Das ist Schritt eins.

Elke: Schritt zwei wäre dann, dass ich mir, diese Gefühle zugestehe und mich wegen ihnen nicht schlecht fühle, und diese Gefühle auch nicht falsch finde.

Albrecht: Jetzt kommt der wichtigste, der dritte Schritt: Ich schaffe einen inneren Abstand zu meinen Gefühlen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel kann ich überprüfen, ob die Gefühle wirklich nur von dem Handeln des anderen ausgelöst wurden, oder vielleicht auch noch alte Erfahrungen von mir einfließen. Diese alten Erfahrungen kann ich mir dann näher ansehen.

Elke: Was auch hilfreich sein kann ist zu versuchen, mich in den anderen einzufühlen und versuchen zu verstehen, warum er mich verletzt hat. Das heißt nicht, dass ich entschuldige, was er getan hat. Aber vielleicht kann ich dann verstehen, wie es dazu gekommen ist.

Albrecht: Schritt vier ist: Ich überlege, was ich jetzt tun kann. Dabei berücksichtige ich, was mir gut tut und was dem anderen hilft. 

Elke: Und dann handele ich in Barmherzigkeit, und zwar in Barmherzigkeit mir selbst gegenüber und dem anderen gegenüber. Das kann ganz verschieden aussehen. Ich kann ihm vergeben, und darüber hinweg gehen. Ich kann ihm eine klare Grenze setzten. Und ich kann auch entscheiden, dass der Kontakt uns beiden nicht gut tut. Wie das im einzelnen aussieht, hängt von der Situation ab. Darüber gibt es keine Regeln. Hauptsache, ich handle überlegt und mit einem inneren Gefühl der Freundlichkeit. Auch wenn das, was ich tue, vom anderen nicht als freundlich empfunden wird.

Albrecht: Habe ich schon erwähnt, dass barmherzig sein, ziemlich unbequem ist? Und es hat nichts mit dieser Sorte Toleranz zu tun, die sagt: Ich seh dann mal lieber weg. Dann habe ich keinen Ärger.

Elke: Zumindest ist das barmherzig gegenüber mir selbst. Das ist doch auch schon etwas.

Albrecht: Ja, aber unsere Jahreslosung sagt, dass wir auch barmherzig gegenüber anderen sein sollen. Nicht umsonst steht diese Aufforderung in der Feldrede im Lukasevangelium, der Parallele zur Bergpredigt bei Mätthäus. Hier geht es um den inneren Kern der Botschaft Jesu.

Elke: Und deshalb ist dieser Satz auch sehr anspruchsvoll. Die Botschaft Jesu lautet halt nicht: Seid anständig und helft einander. Sondern: Seid barmherzig wie euer Vater barmherzig ist. Also: Handelt wie Gott handeln würde.

Albrecht: Jetzt mal praktisch: Wie würde Barmherzigkeit gegenüber den Querdenkern aussehen?

Elke: Jetzt hast du mich auf dem falschen Fuß erwischt. Denn bisher handhabe ich das so, dass ich denen aus dem Weg gehe, weil diskutieren überhaupt keinen Sinn ergibt.

Albrecht: Das ist bequem, aber nicht barmherzig.

Elke. Es ist zumindest barmherzig gegenüber mir selbst, weil ich mich sonst zu sehr aufrege und nach der Diskussion völlig frustriert bin, weil ich mit keinem Argument durchgekommen bin.

Albrecht: Na dann. Spielen wir das mal durch. Schritt eins. Mir darüber klar werden, welche Gefühle das bei mir auslöst.

Elke: Der Querdenker steht mir nahe. Ich mag diese Person. Ich mache mir Sorgen um sie. Und ich ärgere mich, dass sie mit ihrem Verhalten andere gefährdet und möglicherweise mit dem Virus ansteckt und denke, sie hat auch ein hohes Risiko, sich selbst anzustecken. Und ich fühle mich hilflos, weil sie nicht auf Argumente hört.

Albrecht: Schritt zwei: Mir die Gefühle zugestehen.

Elke: Ich weine ein bisschen und erlaube mir traurig, hilflos, ärgerlich und besorgt zu sein.

Albrecht: Schritt drei: Abstand von meinen Gefühlen gewinnen.

Elke: Ich habe mich als Kind oft hilflos gefühlt. Die Erwachsenen haben über meinen Kopf hinweg entschieden und sich nicht gefragt, wie es mir damit geht. Das ist alt. Aber heute entscheide ich selbst. Trauer braucht einfach Zeit. Und Ärger ist eine ganz gute Energie, um das richtige zu tun. Besorgt zu sein hilft nicht weiter, die andere Person entscheidet über ihr Leben, nicht ich. Und ich bin nicht für sie verantwortlich. Sie folgt mit ihren Einstellungen jemandem, den sie sehr verehrt. Das kann ich verstehen.

Albrecht: Schritt vier: Was tun, was mir und dem anderen gut tut?

Elke: Ich diskutiere nicht über Corona. Das würde mir nicht gut tun. Ich halte nicht hinterm Berg damit, dass ich ihre Einstellungen nicht teile. Aber ich halte den Kontakt, und mache der Person deutlich, dass sie mir am Herzen liegt. Ich hoffe und bete, dass sie gesund bleibt. Und ich werde ihr helfen, wenn sie mich um Hilfe bittet und sie Hilfe braucht.

Albrecht: Viel Aufwand für eigentlich Selbstverständlichkeiten!

Elke: Ja, vielleicht. Aber jetzt bin ich nicht mehr so verwirrt und besorgt. Das ist doch schon etwas.

Albrecht: Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. Ich lege Ihnen dieses Wort Jesu ans Herz. Probieren Sie aus, ob es Ihnen auch zu mehr Klarheit im Umgang mit anderen hilft!

Elke: wir wünschen Ihnen ein gesegnetes Jahr 2021. Bleiben Sie behütet!

Albrecht: Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

%d Bloggern gefällt das: