Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Liebe Gemeinde. Totensonntag begehen wir heute. Wir gedenken der Verstorbenen. Wir trauern gemeinsam und öffentlich. Hoffentlich kommen wir dabei in unserer Trauer weiter. Denn das ist seelische Arbeit , die zu leisten ist. Gemeinsam und doch auch vor allem allein. Meine Seele im Gespräch mit Gott, dem Urgrund, der meine Persönlichkeit ausmacht, das ist der Ort der Trauer.
Damit unsere Trauer gelingt, habe ich uns ein Lied mitgebracht, das gar nicht so traurig ist. Es ist ein Psalmvers und es ist eine eingängige Melodie. Wir singen 172. Sende dein Licht und dein Wahrheit, dass sie mich leiten in deine Wohnung und ich dir danke, dass du mir hilfst. Es ist ein Kanon, also darauf angelegt, mehrmals gesungen zu werden. Das werden wir heute auch tun, diesen Bibelvers mehrmals singen. Er soll sich einprägen und mit Ihnen gehen.
Trauer heißt Dunkelheit. Dunkelheit in der Seele. Deshalb bitte ich: Sende dein Licht. Ich bitte darum, dass göttliches Licht in die Dunkelheit meiner Trauer kommt.
Das ist nicht selbstverständlich. Will ich das überhaupt?
In der Trauer neigen wir dazu, uns zurück zu ziehen. Ich will für mich sein. Bin ich da offen für Gott und sein Licht?
Jesus fragt in verschiedenen Heilungsgeschichten: Willst du gesund werden? Oder: Was willst du, dass ich dir tun soll?
Und das ist auch für uns eine wichtige und grundlegende Frage: Wollen wir, dass Gott mit seinem Licht in die Dunkelheit unserer Trauer kommt?
Denn Vorsicht: es könnte sein, dass unser Gebet erhört wird.
Die nächste Frage: wann wird Gott mit seinem Licht kommen? Es kann dauern. Aber das heißt nicht, dass Gott mich vergessen hat. Es erfordert Übung. Ich spiele jetzt seit 15 Jahren Klavier und Orgel, um notfalls Gesangbuchlieder mit den Konfis oder beim Kindersonntag begleiten zu können. Beim ersten Durchgang durch das ganze Gesangbuch habe ich mir sehr über manche unbekannten Lieder gewundert. Inzwischen liebe ich es, gerade die unbekannten Lieder mitzusingen. Ich entdecke dabei Schätze aus vergangenen Zeiten, die meiner Seele gut tun. Aber es hat viele Jahre gebraucht und ich als Pfarrer habe gelernt, Texte zu deuten. Es kann dauern.
Wir singen 172. Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten zu deiner Wohnung und ich dir danke, dass du mir hilfst.
Sende deine Wahrheit. In der Trauer bin ich durcheinander. Gefühle kommen wie in einem Sturm. Mal das eine, mal das andere. Ich suche nach einem Bild des verstorbenen Menschen, mit dem ich gut leben kann. Die verschiedenen Erinnerungen sollen allmählich zu einem Bild werden. Ich suche Orientierung. Klarheit. Ruhe im Sturm. Frieden und Versöhnung. Sende deine Wahrheit. Zur Wahrheit gehört auch, unangenehme Wahrheiten auszuhalten und damit leben zu lernen. Aber unser Wunsch, zu verdrängen, ist halt nicht immer hilfreich. Wir brauchen göttliche Wahrheit, damit wir gut weiter leben können.
Wir singen 172
Dass sie mich leiten zu deiner Wohnung. Licht und Wahrheit, von Gott in meine Seele kommend, bringen mich zur Wohnung Gottes. Gemeint ist der Tempel. Natürlich freue ich mich, wenn viele Menschen in den Gottesdienst kommen. Und mit mehr Training wird der Gottesdienst auch immer hilfreicher. Aber ich glaube, jedes von uns muss auch seinen oder ihren Ort der Gottesbegegnung finden. Und Licht und Wahrheit führen uns dahin. Was ist für meine Seele dran? Das göttliche Licht und die göttliche Wahrheit werden es mir zeigen.
Ich muss mich also öffnen für dieses Licht und diese Wahrheit und dann gibt es einen Ort der Gottesbegegnung, wo diese Impulse von Gott richtig wirken können. Es ist wie eine Berufsausbildung. Und dann kann ich richtig wirksam werden, wenn ich ausgebildet bin. Oder wie ein Hobby, das ich lange ausübe und dann gelingt etwas – alles passt zusammen. Der Ort der Gottesbegegnung. Der Tempel für mich. Leite mich zu deiner Wohnung, Gott. Ich wünsche uns allen, dass wir diesen geheimnisvollen und wirkungsmächtigen Ort finden. Denn dieser Ort ist auch ein Wendepunkt.
172
Gott sendet Licht und Wahrheit. Ich begegne ihm in seiner Wohnung. Und dann werde ich ihm für seine Hilfe danken. Ich danke also jetzt schon für die zukünftige Hilfe. Der Ort der Gottesbegegnung ist der Wendepunkt. Dort geschieht die Hilfe, für die ich danken werde. Wie die aussehen wird, diese Hilfe, das kann ich jetzt noch nicht wissen. Das muss ich auch jetzt noch nicht wissen. Was ich jetzt machen muss, ist einfach nur von ganzem Herzen zu beten: Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten zu deiner Wohnung und ich dir danke, dass du mir hilfst. Und dabei mein Herz zu öffnen. In mir wahr zu nehmen, was in mir gar nicht raus will aus der Dunkelheit und diese Seite beiseite schieben und mich öffnen für das göttliche Licht.
Ich weiß noch nicht, wie die künftige Hilfe aussehen wird. Aber ich kann natürlich mir schon etwas ausmalen. Wie wäre es, wenn dieses Problem gelöst wäre? Wie würde ich meine Freude ausdrücken, vielleicht durch ein Fest? Wie würde es sich anfühlen? Wem würde ich als erstes davon erzählen? Und was würde ich dann machen?
Ich kann mich also gefühlsmäßig auf die zukünftige Hilfe ein wenig einstellen. Ich kann jetzt schon dafür danken. Jetzt bitte ich noch. Aber ich nehme schon in den Blick, dass ich danken werde.
172
Liebe Gemeinde, wir haben dieses Lied nun einigemale gesungen. 10 mal soll man etwas wiederholen, damit es im Langzeitgedächtnis ankommen. Wir haben es jetzt fünf mal gesungen. Aber ich hoffe, es reicht, damit es mit Ihnen mit geht. Ich wünsche uns allen, dass wir uns öffnen für Licht und Wahrheit von Gott. Dass wir unseren Ort der Gottesbegegnung finden. An dem die Hilfe geschieht, die wir brauchen.
Wir singen es noch ein letztes Mal. 172
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben.