Wieso es gut ist evangelisch zu sein 5.11.23 Albrecht Burkholz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, am Dienstag, dem 31. Oktober war Reformationstag, im Norden und im Osten Deutschlands war das ein Feiertag. Wir begehen dieses Jahr, dass  die  Evangelische Kirche 506 Jahre alt ist. Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther 95 Thesen an die Schlosskirche  in Wittenberg angeschlagen und damit so viel  Bewegung in Deutschland und ganz Europa ausgelöst, dass am Ende die Evangelische Kirche dabei gegründet wurde. Heute möchte ich uns bewusst machen, was gut ist am evangelisch sein und wie wir das gut für uns nutzen können, dass wir evangelische Christinnen und Christen sind.

Ich habe einen evangelischen Mann aus einem anderen Ort mit einer sehr katholischen Schwägerin gefragt, was für ihn evangelisch sein heißt. Er hat geantwortet: Wir evangelische Christen glauben an Gott, aber wir machen nicht so viel Aufhebens darum. Das ist einfach selbstverständlich, wir müssen es nicht zelebrieren. Unser evangelischer Glaube bedeutet für unser Verhalten: wir sind tolerant.

Ich bin stolz evangelisch zu sein, weil das die beste Form ist, beides zu verbinden: modern  zu sein und Zugang zu den Glaubensressourcen zu haben. Oft ist das in Spannung zueinander. Die Moderne frisst religiöse Ressourcen und führt zu einem Leben mit Konsum, das zu wenig vom Geheimnis hinter den Dingen weiß. Religiöse Menschen sind in der Gefahr, sich in der Tradition einzuigeln und die Entwicklungen in der Gesellschaft zu verpassen und nur zu bejammern, statt was gutes mit ihnen anzufangen. In unserer evangelischen Volkskirche ist beides da. Man sieht das heute in den Liedern. Da sind Lieder aus verschiedenen Zeiten und es sind Lieder, die  verschiedene Gefühlslagen und Bedürfnisse ansprechen. Da ist Vielfalt und das ist gut so. Denn wir können jedes für sich einen Weg finden, mit den Liedern etwas anzufangen. Wir können jeder für sich einen Glaubensweg finden. Wir sind eine Gemeinschaft von Einzelnen. Und was von Oben kommt, von der Kirchenleitung, das ist nicht göttliches Gesetz. Auch hier gilt der Männerstolz vor  Königsthronen. Auch hier gilt Martin Luther, der vor dem Kaiser gesagt hat:  Hier stehe ich. Ich  kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.

Also, nicht was mir jemand fremdes aufdrängt, macht mich im Inneren aus. Sondern was mein Gewissen mir sagt. Was meine Seele mit Gott im Gepräch für meine Situation als göttliche Weisung anhand von Gottes Wort für mich hören kann. Wir sind auf Gott ausgerichtet  als evangelische Christinnen und Christen. Aber das ist nicht so festgelegt. Nicht so starr. Das ist mehr im Fluss. Im Fluss mit der Zeit und im Fluss mit meinem Leben und den unterschiedlichen Lebenssituationen. Was für mich christlicherweise jetzt dran ist, das ist eine Sache des Gewissens. In meinem Inneren versuche ich auf Gott zu hören.

Evangelisch heißt: modernes Christsein. Und wir evangelischen Christinnen und Christen können verschieden sein und doch an einem Strang ziehen. Wir lassen verschiedene Positionen zu, weil es wichtiger ist, dass die Gewissen dabei sind, als dass wir alle das gleiche denken und machen.

Da sind viele Spannungen auszuhalten. Modern und doch christlich, also an der Bibel und an Gott orientiert.

Eine Volkskirche mit verschiedenen Positionen der einzelnen Christinnen und Christen. Einheit in Vielfalt also.

Und dann kommt noch die Spannung dazu, dass wir immer nur dabei sind, Christen zu werden und es nie ganz sind. Wir sollen den Gott lieben von ganzem Herzen und den Nächsten wie uns selbst und dann auch noch die Feinde. Ein übergroßer Anspruch, an dem wir immer wieder scheitern. Christsein geht nur mit Scheitern und braucht deshalb Vergebung.

Viele Spannungen. Und trotzdem wird uns Entspannung verheißen. Frieden. Am Ende jedes Gottesdienstes steht der Segen und damit der Friedenswunsch. Der Herr erhebe sein Angesicht über euch und schenke und erhalte euch seinen göttlichen Frieden. Das ist der letzte Satz. Und dazu singen wir drei mal Amen. So soll es sein.

Wir brauchen es, dass die göttliche Entspannung in unsere vielfältigen Spannungen hineinkommt. Deshalb singen wir zusammen, damit die Atmung zur Ruhe kommt. Deshalb sprechen wir zusammen Glaubensbekenntnis und Vaterunser, damit wir das Gemeinsame in unserem Glauben mit ganzem Körper begehen. Deshalb singen wir die liturgischen Stücke. Wir als evangelische Christinnen und Christen gehören zusammen.

Wir sind evangelisch und wir können stolz darauf sein. Wir sind evangelisch und  das ist eine lebenslange Aufgabe. Martin Luther sagt in seinen 95 Thesen. Das Leben des Christen ist eine lebenslange Buße. Das heißt: ich schaue hin, was nicht gut ist. Ich bitte Gott um Vergebung. Ich bitte Gott, mir zu helfen, es besser zu machen. Wir sind in einer Beziehung mit Gott. Und in dieser Gottesbeziehung ist eine Bewegung. Unser Christsein ist im Werden.

Heute begehen wir Geburtstag der Kirche. Wir können sagen: wir sind stolz, evangelische Christen zu sein. Wir sind dankbar für diese Chance. Wir können selbst denken und glauben. Wir haben Zugang zu den großen Möglichkeiten, die im Beten und im Sorgen abgeben an Gott liegen.

Morgen geht es dann weiter mit dem Christwerden. Mit dem Hinschauen, wo wir nicht gute Christen sind  und wie wir das verändern können. Heute zur Geburtstagsfeier können wir einfach froh und dankbar sein. Und ich finde auch stolz. Die evangelische Kultur hat viel tolles erreicht. Das evangelische Pfarrhaus hat viele tolle  Menschen hervorgebracht. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler,  Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Philosophen und Professoren. Viele Erfindungen haben evangelische Handwerker und Unternehmer gemacht. Die evangelische Kultur hat den modernen Sozialstaat erfunden und die Menschenrechte und die Toleranz.

Dass wir in Deutschland nach  dem Menschheitsverbrechen des Holocaust weitermachen konnten,  dazu waren die christlichen Möglichkeiten der Buße wichtig. Dass wir als Menschheit die Veränderungen bezüglich des Klimawandels schaffen,  dazu brauchen wir die evangelischen Möglichkeiten. In unserem Glauben liegt die Möglichkeit, hinzuschauen und etwas anders zu machen. 

Mir ist aufgefallen, dass ich ja sowieso mich ständig ändere. Jetzt lese ich z.B. die Zeitung nur noch elektronisch, weil die Geräte dazu da sind. Ich empfinde es nicht als Verzicht, auf die Papierzeitung zu verzichten. Sondern hilfreich, dass die Schrift elektronisch groß ist und das Pad besser in der Hand liegt und unterschiedlich beleuchtet werden kann. Veränderung gehört zu unserem Leben sowieso dazu. Wir evangelischen sind dem grundsätzlich positiv gegenüber. Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen. Das ist nicht gegen unseren Glauben, sondern unser Glaube will Veränderung. Unser Christsein ist ein Christwerden.

Leider ist das mit der Gottesliebe, der Nächstenliebe und der Feindesliebe nicht so einfach mit einem neuen technischen Gerät zu machen. Aber vielleicht hilft uns folgendes: auch die Selbstliebe gehört dazu. Und das Angenommensein. Bevor wir etwas tun und leisten, ist da Gottesliebe, die wir wie ein Kind dankbar annehmen dürfen.

Martin Luther hat erkannt: auch die größte Anstrengung führt nicht zum Ziel. Er war Mönch und hat ständig gebeichtet, aber er war nie damit fertig. Seinen Frieden hat er erst gefunden, als er entdeckte: Gott schenkt mir seine Gerechtigkeit. Ich muss nicht das machen und das machen und das machen,  und dabei werde ich nie fertig. Gott sagt mir: du bist so in Ordnung wie du bist. Ich liebe gerade so unfertig. Ich liebe dich, obwohl du selbst unzufrieden mit dir selbst bist. Ich nehme dich an, dann kannst du dich selbst hoffentlich auch annehmen. 

Liebe Gemeinde, evangelisches Christsein enthält viele Anforderungen und damit viele Spannungen. Wir können ständig besser werden. Aber wir lassen uns zusagen: du bist jetzt angenommen. Spätestens beim letzten Satz des Gottesdienstes werden wir aus den Spannungen herausgenommen und es wird uns Frieden zugesagt. Der Herr erhebe sein Angesicht über euch und gebe und erhalte euch seinen göttlichen Frieden. Und wenn wir dann das dreimalige Amen singen, dann nehmen wir es hoffentlich an, diese Zusage Gottes. Und diese grundlegende und tiefe Entspannung setzt neue Energie frei. 

Unser evangelischer Glaube ist eine große Chance.  Gott sei Dank.

Und der Friede Gottes…