Zweiter Weihnachtstag 26.12.20 Albrecht Burkholz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, haben Sie gemerkt, was gerade passiert ist?

Wir haben soeben einen anderen, heiligen, himmlischen Raum betreten. Mit diesen Kanzelgruß, den ich Ihnen zugesagt habe. Die Gnade, also freundliche Zuwendung unseres Erlösers Jesus Christus wird uns zugesagt. Die Liebe Gottes, unseres Schöpfers, wird uns wirksam zugesprochen. Die göttliche Gegenwart in uns und zwischen uns stiftet eine Gemeinschaft, die uns zu einer Gemeinde macht, einer Gemeinde, die mit dem himmlischen Geschehen verbunden ist. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. 

Bei Konfirmanden merken wir an Rückmeldungen, dass diese liturgischen Rahmenstücke besonders wichtig sind. Und sie empfinden dabei etwas sehr wichtiges. Es wird ein besonderer Raum eröffnet. Oder besser gesagt: wir werden mit einem vorhandenen Raum verbunden. Mit dem Himmel. Mit dem, was vor Gott gilt. Mit dem, was wirklicher ist als unsere vergängliche Wirklichkeit. Besondere Musik wie heute geplant und nun im Internet oder anders im Umfeld der digitalen Gottesdienste oder Fernsehgottesdienste oder der weihnachtlichen Hausmusik lässt uns das besonders spüren und hilft uns, uns für dies göttliche Wirklichkeit und für das göttliche Wort, das in uns wirkt, zu öffnen.

Unser Predigttext für heute eröffnet uns einen Blick auf diese Wirklichkeit. Was da geschieht, ist so stark und wichtig und bedeutsam, dass unsere alltäglichen Probleme davor ganz in den Hintergrund treten.

Ich lese vom Beginn des Hebräerbriefs die ersten vier Verse.

Viele Male und auf vielfältige Weise hat Gott einst

durch die Propheten zu den Vorfahren gesprochen.

2Aber jetzt, am Ende dieser Tage,

hat er durch den Sohn zu uns gesprochen.

Ihn hat er zum Erben von allem eingesetzt.

Durch ihn hat er auch die Welt geschaffen.

3Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit

und das Abbild seines Wesens.

Durch sein machtvolles Wort trägt er die ganze Welt.

Er hat die Reinigung von den Sünden bewirkt.

Dann hat er sich

an die rechte Seite der Majestät Gottes

in den Himmelshöhen gesetzt.

4Gott hat ihn hoch über die Engel gestellt –

so hoch wie der Name,

den er ihm verliehen hat,

über ihren Namen steht. 

Oft hat Gott in der Geschichte seines Volkes durch seine Propheten gesprochen. Auch Prophetinnen gab es. Und insgesamt kann man sagen: das Gottesvolk hat nicht auf die Propheten gehört. Erst im Nachhinein, als viele Ereignis so kamen, wie sie es angekündigt hatten, wurden ihre Worte in Ehren gehalten und in die heiligen Schriften aufgenommen.

Auch auf Jesus hat das Volk nicht gehört. Er wurde gekreuzigt. Die, die erst noch begeistert waren, schrien nun, aufgestachelt von einigen: Kreuzige ihn.

Aber Jesus ist nicht gescheitert. Er ist das Höchste, was man sich vorstellen kann: der, durch den die Schöpfung geschehen ist. Der, der alles erbt. Der, auf dem sich die Herrlichkeit Gottes zeigt. Er hat von den Sünden gereinigt, also das beendet, was schief läuft und belastet. Er ist wichtiger als die Engel.

Liebe Mitchristen, liebe Mitchristen, mit diesem Jesus Christus sind wir verbunden. In der Taufe und in der Konfirmation sind wir mit diesem Namen verbunden worden. In jedem Gottesdienst und mit jedem Kanzelgruß eröffnet sich für uns eine Verbindung mit dieser himmlischen Wirklichkeit. 

Dass die Welt noch nicht so ist, wie sie sein müsste, das kommt noch nicht mal in den Blick, höchstens in dem Wort Sünde. Oder darin, dass er durch sein machtvolles Wort die ganze Welt trägt. Offensichtlich hat die Welt es nötig, so getragen zu werden.

Aber eigentlich ist die Macht Jesu Christi so groß, dass von irgendwelchen Problemen gar nicht mehr die Rede sein muss. Die Sünden sind vergeben. Die Welt ist getragen.

Der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno hat einmal gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Er war noch schockiert vom Holocaust und den Gräueltaten der Nazis. Von unserem Predigttext her müsste man sagen: Wie kann es überhaupt noch ein falsches Leben geben. Die Sünde ist besiegt. Die Welt wird getragen. Und dieser machtvolle himmlische Raum wird uns eröffnet, im Gebet und im Gottesdienst und auch in den Hausandachten, die die Kirchen nun zu Weihnachten anbieten. Dieser mächtige Jesus Christus, der Schöpfungsmittler, der Schöpfungserhalter, der Spiegel des Lichtglanzes Gottes, höher als die Engel, Reiniger von den Sünden, Erbe von allem, der ist mit uns verbunden. In Jesus Christus schaut Gott uns freundlich an. Freundlicher, viel freundlicher, als wir er es verdient haben. Er tut etwas Gutes für uns, viel mehr, als wir es verdient haben. Er nimmt uns an und hilft uns, uns selbst anzunehmen, weil die Liebe Gottes in diesem Lichtglanz wirksam wird. Es geschieht etwas an uns, etwas gutes, viel mehr, als wir es verdient haben.

Sie könnten jetzt sagen, das ist ja alles nur geistig, nur vorgestellt, nicht so zum Anfassen. Nur symbolisch, nicht wirklich. Nur eine Idee, nicht die Wirklichkeit.

Wenn wir auf die Geschichte zurückschauen, dann sehen wir: zuerst ist die Idee, dann die Verwirklichung. Zuerst der Gedanke, die innere Vorstellungswelt. Dem folgt die Welt der Tische und Bänke irgendwann.

Die französische Revolution wurde Jahrzehnte vorher gedacht und erst dann umgesetzt. An den verbreiteten Verschwörungstheorien in unserer Gesellschaft kann man die Folgen vieler amerikanischer Serien und Filme erkennen, die ein solches Grundgefühl vermittelt haben. Deshalb, liebe Gemeinde, was wir denken, in welchen Worten und Bildern wir denken und träumen, wie unser Bewusstsein und unser Unterbewusstsein geprägt werden, das ist sehr wichtig und verändert die Wirklichkeit. 

Deshalb ist es wichtig, dass wir möglichst viel christlichen Kultureinfluss haben. Die alten Texte bringen Gotteserfahrungen zur Sprache, die uns weiterhelfen können, Gottes Spuren in unserm Leben zu sehen und zu verstärken.

Die Konfis haben Recht. Die liturgischen Formeln Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes am Anfang des Gottesdienstes  und Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes am Beginn der Predigt und Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben am Ende der Predigt und das Vaterunser und der Schlusssegen sind wichtig. Sie verbinden uns mit dem himmlischen Raum und mit Christinnen und Christen weltweit. Und damit wird unser christliches Leben verstärkt und geprägt. Das wirkt, bis in unsere Träume hinein.

Viele Menschen haben mir von einem Sonntagsgefühl nach dem Gottesdienst berichtet. Etwas Befreites und Entspanntes. Ich nehme es auch bei mir selbst und bei meiner Frau wahr. Die Gottesdienste wirken. Dabei kommt es gar nicht so sehr auf die Einzelheiten an oder wie mir dies oder das heute gefällt. Der Raum wird eröffnet, selbst wenn einiges nicht so gut ist oder wenn einiges mich ärgert. 

Unser Predigttext verweist uns darauf, dass das nicht nur die Gestimmtheit unserer religiösen Gefühle ist, die gegenseitig angeregt werden. Wir nehmen teil an einem mächtigen himmlischen Geschehen.

Ich möchte die Wirkung noch an einem Beispiel beschreiben. Ich war ein schlechter Verlierer und habe mich beim Verlieren aufgeregt. Deshalb haben wir nicht so häufig als Familie Brettspiele gespielt, als unsere Kinder klein waren. Die Zeit ist vorbei. Unsere Kinder sind aus dem Haus. Dass mir das heute leid tut, ist ein Zeichen meines Älterwerdens. Aber es ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Ich kann es nur bedauern und mich bei meinen beiden Töchtern entschuldigen.

Was heißt in diesem Zusammenhang: Jesus Christus hat die Reinigung von den Sünden bewirkt.

Ich kann natürlich Jesus Christus um Vergebung bitten. Ich hoffe, es hilft mir, freundlicher auf dieses Versäumte zu blicken. Aber es bleibt doch, und ich kann es trotz allem nicht ungeschehen machen.

Ich hoffe, ich kann es in mein Selbstbild so einbauen, dass ich heute weiser und gelassener mit Niederlagen umgehe. Ich weiß, alle Eltern machen Fehler und man bekommt die Kinder noch jung, wenn man sich wenig entwickelt hat. Aber es bleibt da etwas Nagendes, ich kann es nicht ungeschehen machen.

Im Hebräerbrief wird weiter beschrieben, dass Jesus Christus der wahre Hohepriester ist, der ein für alle mal geopfert hat, sich selbst durch den Kreuzestod geopfert hat, um eine Reinigung von den Sünden zu bewirken. Von diesem heiligen Geschehen geht eine geheimnisvolle heilige Wirkung aus. Etwas, das ich auch mit besten Psychotipps nicht aus der Welt schaffen kann, wird geheimnisvoll berührt und verändert. So wie das Blut der Opfertiere damals geheimnisvoll gewirkt hat. 

Ich kann dieses mir fremde Geschehen nur in meine Seele aufnehmen. Es wird mir etwas zugesagt. Es geschieht etwas Gutes an mir, mehr als ich es verdient habe. Es geschieht mehr, als der Psycho-Ratgeber mir sagen kann. Es hat sich ein himmlischer Raum eröffnet.

Das war die Theorie aus dem Hebräerbrief. Jetzt muss ich es nur noch nachvollziehen. Mit dem ganzen Herzen und der ganzen Seele. Dazu helfen Sie alle mir, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, indem Sie mit mir Gottesdienst feiern, selbst wenn wir es im Augenblick nur über Internet zusammen tun, und mir diesen himmlischen Raum eröffnen. Danke.

Und der Friede Gottes, der höher ist alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen, seligen Leben. Amen.

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