Rogate 9.5.21

Sirach 35,16-22a

Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. 17 Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. 18 Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, 19 und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? 20 Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. 21 Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt 22 und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

heute am Muttertag bekommt in diesem Gottesdienst jedes weibliche Wesen eine Rose geschenkt. Wir denken an die Mütter, ohne deren Arbeit und Sorge es niemanden von uns gäbe. Und wir denken an die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft, die bedeutet, dass Frauen, die mehrere Kinder großgezogen haben im Durchschnitt nur ein Drittel des Lebenseinkommens haben und noch weniger Rente. In der Arbeitswelt heute werden Mütter benachteiligt während Väter genausoviel verdienen wie Männer ohne Kinder. Und jetzt in der Pandemie haben wie gesehen, dass die öffentliche  Kinderbetreuung immer noch auf wackligen Füßen steht. Gerade Mütter von kleinen Kindern wurden über die Grenze ihrer Möglichkeiten belastet. Es ist wie bei dem Pflegepersonal – ein bisschen Dank und Klatschen reicht nicht. Kinder brauchen Sorge und Versorgung. Die Arbeit der Mütter ist notwendig und systemrelevant. Und sie muss als Arbeit anerkannt werden und darf nicht einfach unter Liebe abgehandelt werden. Ich liebe meine Arbeit auch, aber deshalb ist, was ich tue, doch Arbeit.

Auch wenn es heute hier was die Arbeit der Frauen in der Versorgung und Erziehung von Kindern noch lange nicht gerecht zugeht, ist es doch kein Vergleich mit früher. In der Bibel besonders im Alten Testament wird immer wieder beklagt, dass Witwen und Waisen ausgebeutet und unterdrückt werden. Auch in unserem heutigen Predigttext: Sie haben ihn gerade gelesen von Klaus Winkelmann gehört.

Witwen und Waisen fallen dem Verfasser als Erstes ein, wenn er an das Gebet der Unterdrückten und Gedemütigten denkt. Er kennt ihre Tränen und er hat ihr vergebliches Flehen um genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf erlebt. Verheiratete Frauen konnten schnell in Not geraten, wenn ihr Ehemann starb. Und auch ihre Kinder waren dann bald der Barmherzigkeit der Verwandten, die das Land geerbt haben, ausgeliefert. Man hätte denken können. Naja, so sind halt die Verhältnisse, wenn Frauen und Kinder mehr oder weniger als der Besitz der freien Männer betrachtet werden. Und in den griechischen Gebieten ging des den Witwen und Waisen damals auch nicht besser. Aber die Klage über diese Ungerechtigkeit findet sich in der Bibel und nicht in den Texten der griechischen Philosophie. Und immer wird gesagt: Gott findet das nicht richtig. Gott verlangt von euch, dass ihr den Witwen und Waisen helft und ihnen ihr Recht verschafft. Auch unser heutiger Predigttext sagt: Gott wird die Klage der Witwen und Waisen wahrnehmen, und er wird ihre Gebete erhören. Die Witwen sind ein Vorbild für alle Betenden. Denn sie sind demütig und sie sind im Recht. Und Gott wird ihnen Recht verschaffen. Sirach ist auch klar, dass das nicht gleich passiert und gerade die Unterdrückten Geduld brauchen bis ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Aber Gott ist auf ihrer Seite. Das ist ganz klar. Und ihre Unterdrücker sollten sich besser in Acht nehmen vor der Macht Gottes.

Dieser Sonntag ist nicht nur Muttertag. Er heißt auch Rogate: Betet! Was können wir über also hier für unsere Gebete lernen?

Ganz viel:

Zum Beispiel: Klagen, Weinen, Schreien ist erlaubt. Wenn es uns schlecht geht, dann dürfen wir das auch ausdrücken. Gott legt keinen Wert auf kunstvoll gestaltete und gemäßigte schöne Gebete. Gott erhört die authentischen Gebete der Bedürftigen. Gott erhört die Gebete derjenigen, die ihm dienen. Es kommt also nicht nur aufs Reden sondern auch auf das Tun an. Und Gott schenkt seinen Trost auf Dauer den Demütigen. Also denjenigen, die wissen, dass sie nicht perfekt sind und dass sie Fehler machen. Damit unsere Gebete erhört werden, müssen wir keine guten Christen sein. Wir müssen nicht alles richtig machen und alle Gebote pingelig und genau einhalten. Gott erhört Gebete nicht als Belohnung für gute Taten oder Belohnung für die richtigen Worte. Es geht nicht darum den richtigen Knopf zu finden, damit Gott uns gibt, was wir uns wünschen. Es kommt auch nicht drauf an regelmäßig zu beten und lange Erfahrung mit Gebeten zu haben. Wir müssen auch nicht viele Gebete lesen, um für uns das richtige zu finden. Viel mehr zählt ist, dass wir Gottes Hilfe dringend brauchen und dass wir darauf hoffen.

Und auch dann bleibt Gott unverfügbar. Auch dann kann es geschehen, dass wir lange auf Hilfe warten müssen. Und auch dann kann es sein, dass wir keinen Trost finden. Auch wenn wir noch so authentisch klagen, ist damit noch nicht gesagt, dass unser Leben durch unsere Gebete oder Gottes Antworten auf unsere Gebete besser wird. Ja, wir werden Geduld brauchen und Demut und Hoffnung. Und es gibt auch dann keine Garantien.

Warum also dann überhaupt beten, wenn die Erfolgsaussichten so unklar sind?

Weil erhörte Gebete nur ein Nebeneffekt beim Beten sind. Ein sehr willkommener Nebeneffekt zweifellos – aber eben nur ein Teil dessen, worum es geht.

Die Hauptsache beim Beten ist, dass wir uns mit Gott verbinden. Wir wenden uns Gott zu. Und diese Verbindung trägt uns auch durch die schwierigen Zeiten auch, wenn unsere Bitten nicht erfüllt werden. Und wir freuen uns um so mehr, wenn Gott uns das schenkt, was wir uns wünschen und was wir dringend brauchen. Und wenn wir wie die Witwen und Waisen ca. 200 Jahre vor Christi Geburt unter schlimmen Ungerechtigkeiten leiden, dann ist es manchmal schon sehr viel, wenn wir im Gebet erfahren, dass Gott am Ende Gerechtigkeit für alle herstellen wird. Und manchmal sind die eigenen Lebenssituationen so verwirrend, dass wir gar nicht am dringendsten erhörte Gebete brauchen, sondern notwendiger eine Hand in die wir alles legen können, und die sich um das kümmert, worum wir uns nicht mehr sorgen können. Am Ende werden wir darauf vertrauen, dass Gott die Welt in die richtige Richtung leiten wird. Und dann ist schön, Gott zu dienen und zu beten und ruhig und demütig abzuwarten, wie die Dinge sich fügen werden.

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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